Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. OK
Die Evangelischen Schulen in Sachsen.

Lehrerzimmer — Interview

Mit digitalen Medien lernen und lehren

10.12.2018 Wiebke Nenoff

Ein Gespräch mit Birgit Hofmann

 

Die Welt, in der wir leben, und die Art, wie wir arbeiten, unsere Freizeit gestalten, miteinander kommunizieren und uns informieren, ändern sich rasant. Die medialen Entwicklungen machen auch vor den Schultüren nicht halt. Die Prozesse der Digitalisierung beeinflussen das Lernen und Lehren. Mit den Chancen und Herausforderungen die sich daraus für den Unterricht ergeben beschäftigt sich das Seminar „Mit digitalen Medien Lehrern und Lernen“, das im Februar 2019 für Lehrer*innen aus evangelischen Schulen in Bayern und Sachsen angeboten wird.

 

 

Birgit Hofmann leitet zusammen mit Prof. Roland Rosenstock das zweitägige Seminar. Wir haben sie zum Einsatz von digitalen Medien um Unterricht befragt:

 

Frau Hofmann, Sie sind Lehrerin für Deutsch und Informatik an der Evangelischen Oberschule in Schneeberg. Mit welchen Medien arbeiten Sie in Ihrem Unterricht?

In Informatik natürlich klassisch mit dem Rechner. Ansonsten arbeite ich in den jüngeren Klassen mit Tablets, die die Schule angeschafft hat. In den oberen Klassen haben fast alle Schüler*innen eigene Smartphones. Dabei besteht nur das Problem, wie ich die Daten von A nach B bekomme. Meist erledigen die Schüler dies dann von zu Hause aus, da wir unser kurzzeitig offenes Schülernetz wegen Überlastung wieder schließen mussten. Ansonsten versuche ich, zu zeigen, wie man das Smartphone im Alltag als Werkzeug und nicht als Suchtmittel nutzen kann. Ob ich geteilte Listen für kollaboratives Brainstorming nutze, Planungstools zur eigenen Strukturierung oder die Wasserwaagefunktion beim Streichen des Klassenzimmers, ist beinah egal.

 

Können Sie das konkretisieren?

Der Einsatz von Smartphone oder Tablet im Unterricht macht für mich dann Sinn, wenn ich einen pädagogischen Mehrwert damit erreiche, den ich sonst nicht erzielen würde. Wenn die Schüler*innen beispielsweise eine Geschichte erzählen sollen, lasse ich sie manchmal einen Text schreiben und diesen dann von ihnen in eine Audiodatei sprechen, die als Basis für die Bewertung genommen wird. Damit liegt die Konzentration wirklich auf Inhalt und dem kreativen Prozess und nicht auf den Anforderungen an die Rechtschreibung wie sonst in einer schriftlichen Arbeit.

Oder ich lasse die Schüler*innen die Geschichte von Faust und Gretchen von der Kennlernszene bis zur Kerkerszene mit Fotos darstellen, um die Entwicklung der Figuren nachzuvollziehen. Das lässt sich besser gegenüberstellen als ein klassisches Standbild. Die neuen Medien bieten so die Möglichkeit, die verschiedenen kreativen Kompetenzen der Schüler*innen einzubinden und Nachteile, die sie mitbringen, auszugleichen.

 

Lernen die Schüler*innen motivierter, wenn sie ihre Smartphones im Unterricht einsetzen können?

Das auch, aber Ziel des Einsatzes digitaler Medien sollte es immer sein, den Unterricht zu verbessern und die Arbeit zu erleichtern. Besonders beliebt bei meinen Schüler*innen sind Quizgeschichten. Diese machen sie gern und gibt es dafür gute Software, mit der die sie ihre eigenen Quizfragen erstellen und für die ganze Klasse zur Verfügung stellen können. Dadurch lässt Wissensabfrage mit einem spielerischen Effekt verknüpfen.

 

Vor welchen Herausforderungen sehen Sie die Schulen im Kontext der Digitalisierung?

Die Herausforderung besteht vor allem nicht nur im Einsatz von neuen Techniken. Die Digitalisierung bedeutet eine Veränderung in Beziehungen und in Erfahrungsräumen. Die Medienkompetenz als ergänzende Lebens-Kompetenz zu Lesen, Schreiben und Rechnen rückt damit stärker in den Vordergrund. Die Lernformen müssen sich ändern. Es geht nicht mehr so sehr um das Anhäufen sondern auch um das Filtern und Bewerten von Wissen. Soziale Räume, in denen die Kinder und Jugendlichen aufwachsen, sind nicht mehr begrenzt auf einen physischen Ort, sondern soziale Inseln, die medial verbunden sind. Der Mensch ist im medialen Kontext immer auch ein öffentlicher Mensch. Er muss sein reales Ich abgrenzen von dem konstruierten Bild in der vernetzen Welt.

Wer bin ich wirklich? Wie bewerte ich Informationen? Wie bilde ich mir daraus eine Meinung, wie konstruiere ich mein Weltbild? Die neue DIVSI-U25-Studie zeigt deutlich, dass Jugendliche sich zunehmend unsicher und von den Erwachsenen schlecht auf die Anforderungen der Digitalisierung vorbereitet fühlen. Schule muss dies akzeptieren und darauf reagieren. Das heißt, dass es nicht genügt, MIT Medien zu lernen. Um sich in den neuen Räumen zu orientieren, sie kompetent nutzen und sich nicht vereinnahmen zu lassen, ist es mindestens ebenso wichtig, etwas ÜBER Medien zu lernen, am besten in allen Fächern, wenn es passt.

 

Der Kurs „Mit digitalen Medien Lehrern und Lernen“ soll die digitalen Kompetenzen von Lehrkräften stärken. Was verstehen Sie darunter?

Mit dem Kurs wollen wir vor allem an Alltagskompetenzen von Lehrer*innen anknüpfen und Ängste und Hemmungen, die viele im schulischen Kontext gegenüber digitalen Medien haben, abbauen. Es wird darum gehen, wie Schule mithilfe des Medieneinsatzes die Selbstlernkompetenzen von Schüler*innen fördern kann. Lernen ist ein aktiver Prozess, wenn wir die intrinsische Motivation stärken, erhöht sich der Lerneffekt. Neue Medien bieten dazu eine Chance und sie bieten die Möglichkeit zur Individualisierung. Hier denke ich vor allem an den Nachteilsausgleich für Schüler*innen mit gesondertem Förderbedarf. In meiner Klasse sitzt zum Beispiel eine Schülerin, die nach mehreren Operationen motorisch eingeschränkt ist und nur schwer einen 90-minütigen Aufsatz durchhält. Wenn sie einen Teil des Aufsatzes als Audiodatei abliefern kann, helfe ich ihr, diesen Nachteil auszugleichen. Theoretisch wäre es sogar möglich, dass das gesprochene Wort dann in Schrift umgewandelt wird.

Neben praktischen Übungen und dem Ausprobieren, wo sich Medien gut in den Unterricht einbinden lassen, wird sich der Kurs auch mit allgemeinen Fragen zum Lernen 4.0 beschäftigen: unserem christlichen Menschenbild, der Medienethik und dem Datenschutz beispielsweise.

 

Wie sähe denn eine gute, mediatisierte, evangelische Schule für Sie aus?

Als evangelische Schulen sollten wir bei den Lehrern und Schülern anfangen. Es kann nicht nur darum gehen, einfach neue Technik anzuschaffen, sondern eigene Medienbildungskonzepte zu formulieren. Dabei sollte man beim Einzelnen anfangen und in Bezug auf die Medienkompetenz fragen: Wo stehst du? Wo willst du hin? Und welche Unterstützung – technisch, aber vor allem auch in Form von Kursen oder anderen Unterstützungssystemen – brauchst du dazu? Es geht da auch darum, die Lehrer*innen in ihren Sorgen ernst zu nehmen und Möglichkeiten zu zeigen, ohne zu überfordern. Und natürlich muss sich die Schule fragen, was macht für meine Institution Sinn? Was haben wir schon, was könnten wir anders und besser nutzen? Was sind unsere nächsten Schritte, welche Investitionen brauchen wir? Das muss nicht übereilt geschehen. Aber es braucht eine Auseinandersetzung mit diesen Themen. Das erwarten auch die Schüler*innen von den Lehrkräften. Was jede Schule zwingend braucht, ist schnelles und überall verfügbares Internet. Alles andere hängt vom Konzept der Schule, von den Lehrer*innen und Schüler*innen ab.

Schule hat die Verantwortung, die Schüler*innen auf die sich verändernde Welt vorzubereiten. Damit einher gehen grundlegende Fragestellungen auch im Hinblick auf die Suche nach dem Sinn der eigenen Existenz und beispielsweise die ethischen Dimensionen von künstlicher Intelligenz. Evangelische Schulen, die auf christliche Werte setzen, sind hier, glaube ich, ganz besonders gefordert.

 

Das Gespräch führte Wiebke Nenoff.

 

 

Das Seminar „Mit digitalen Medien Lehrern und Lernen“ wird gefördert von der Schulstiftung in der EKD.