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Die Evangelischen Schulen in Sachsen.

Schulhof — Bericht

10 Jahre Musicalprojekte

11.05.2015 Priska Krüger

Musicalprojekte vereinen eine ganze Reihe positiver Lerneffekte für die Schüler. Hier können sie sich zum einen individuell weiter entwickeln, werden ganz persönlich stimmlich, instrumental und schauspielerisch gefördert. Zum anderen werden gerade soziale Fähigkeiten ausgeprägt, ohne die ein solches Gemeinschaftsprojekt wie ein großes Bühnenwerk gar nicht funktionieren würde: Teamgeist, Verantwortungsgefühl, Aufeinander-Eingehen, Rücksichtnahme und nicht zuletzt ein hohes Maß an Engagement und Einsatzbereitschaft sind Eigenschaften bzw. Einstellungen, die hier einen sehr hohen Stellenwert haben. Und trotzdem lernen die Schüler dies alles „nebenbei“, regelrecht spielerisch, denn für sie steht der Spaß am gemeinsamen Singen und Spielen im Vordergrund. Und doch ist der Zuwachs an persönlicher Reife enorm: Ein Schüler, der es einmal erlebt hat, auf einer großen Bühne vor vielleicht 500 Zuschauern das Publikum zu begeistern und dafür frenetischen Applaus und Zugabe rufe zu bekommen, wächst in seinem Selbstwertgefühl in einem solchen Maße, dass er danach ein anderer Mensch ist. Damit leisten Musicalprojekte einen großen Beitrag für die Entwicklung der Schüler hin zu selbstbewussten und sozial eingestellten und engagierten Menschen, sind ein wichtiger Beitrag zur ganzheitlichen Bildung und Erziehung.

 

Solche Musicalprojekte gibt es an der Evangelischen Oberschule „Erhard und Rudolf Mauersberger“ Großrückerswalde nun mittlerweile 10 Jahre. Im Herbst 2005 begannen die Proben für das erste Musical „Der Kleine Tag“ von Rolf Zuckowski, das dann 2006 im Rahmen der 10jährigen Jubiläumsfeierlichkeiten der Schule in der Turnhalle aufgeführt wurde. Hier waren der Schulchor und damit die jüngeren Schüler Träger der Hauptrollen, die hier schon sehr überzeugten. Die Schulband, die live den Begleitpart übernahm und sehr gut ausführte, bestand dagegen aus älteren Schülern. Darauf folgte das biblische Musical „David – ein echt cooler Held“, ebenfalls vom Chor in der Turnhalle aufgeführt, allerdings mit CD-Begleitung zum Live-Gesang der Schüler, da hier eine mitreißende, aber komplizierte Begleitmusik erforderlich war.

 

Das erste Musicalprojekt speziell für 10.-Klässler wurde dann 2009 in Angriff genommen. Der Grund war die Einführung des neuen Lehrplanes an den sächsischen Mittelschulen, der nun im 10. Schuljahr die Wahlpflicht zwischen den Fächern Musik und Kunst vorsah. Mit den Schülern, die sich für Musik entschieden hatten, hatte man nun nicht nur eine (fast) aus-schließlich musikalisch interessierte Gruppe, sondern auch doppelt soviel Zeit wie früher – nämlich zwei Wochenstunden – zur Verfügung. Nachdem sich die „Musikschüler“ dieses ersten 10er-Jahrgangs nach neuem Lehrplan für das Musical „Grease“ nach freier Auswahl-möglichkeit entschieden hatten, kamen ganz von selbst viele freiwillige Stunden noch hinzu. Man zählte kaum noch die zusätzlichen Tanzproben an den Freitagnachmittagen, als die anderen Schüler schon längst nach Hause gegangen waren. Dafür wurde aber auch die Premiere eines Schulmusicals außer Haus – nämlich in einem schönen Gasthaussaal im Nachbardorf Mildenau mit großer Bühne – zu einem überwältigenden Erfolg. Der sehr lebendig gespielten Handlung sah man nicht an, dass das „Drehbuch“ von den Schülern selbst geschrieben war – als Vorlage diente lediglich der bekannte Musikfilm „Grease“ mit John Travolta.

 

In den darauf folgenden Jahren entschied sich nicht jede 10. Klasse für ein Musicalprojekt – dafür gab es mehrere nicht weniger sehens- und hörenswerte Konzertaufführungen der 10er-Musikschüler. Besonders blieb das Programm „Rocking All Over The World“ der Abschlussschüler von 2011 im Gedächtnis, als wiederum das Publikum im Mildenauer Gasthofsaal begeistert mehrere Zugaben verlangte. Der Sound der bis dahin größten Band, die neben der Grundbesetzung zusätzlich Percussion, drei Geigen sowie Trompete, Posaune und Saxophon enthielt, erzielte dabei eine phantastische Wirkung – die Begeisterung der Schüler beim Musizieren und „Rocken“ griff direkt auf das Publikum über.

 

Das Schuljahr 2012/13 markiert einen Schritt weiter in die Öffentlichkeit und zu mehr Professionalität: Man begab sich für die Aufführung nicht mehr in den ländlichen
Gasthaussaal, sondern in die mehr als doppelt so große und moderne Stadthalle von Marienberg. Damit waren natürlich ganz andere technische, aber auch finanzielle Anforderungen verbunden. Eine teure Saal- und Technikmiete musste gestemmt werden, aber dafür konnte man erstmals mit richtig großer, professioneller Ton- und Lichttechnik arbeiten – was noch einmal einen großen Motivationsschub auslöste. Mit den ganz besonderen stimmlichen und instrumentalen Talenten dieses 10er-Jahrgangs wurde in einer Revue ein Querschnitt durch viele große Musical-Hits unter dem Titel „Musical Pleasure“ mit einem sehr professionellen Anspruch geboten. Beeindruckende Solo-Gesangspartien wurden von ausgefeilten Chor- und Band-arrangements und tollen Tanznummern ergänzt. Das Publikum honorierte die Leistung mit großem Applaus und einem solchen Ansturm, dass selbst die Stadthalle völlig überfüllt war – eine Zusatzvorstellung in einem anderen großen Saal im nahen Großolbersdorf wurde kurzfristig angesetzt, die sich ebenfalls noch einmal gut füllte.

Nachdem im Jahr 2014 zur Abwechslung wieder einmal ein biblisches Musical mit den jüngeren Schülern, nämlich den beiden 5. Klassen, unter dem Titel „Abraham und Sara – versprochen ist versprochen“ in Mildenau zur Aufführung kam, wurde für 2015 das bis dahin größte Musicalprojekt in Angriff genommen: Nun vereinten sich über alle Klassen- und Altersgrenzen hinweg über 70 Schüler aus allen Klassenstufen zu dem Bühnenwerk „Saitenverkehrt – das Musical auf die Freiheit“ aus der Feder von Hendrik Seibt – selbst Musiklehrer an der Freien Schule „Erzgebirgsblick“ in Gelenau. Dieses großartige Musical mit sehr guter Musik erfordert große Massen an Darstellern – bewegt sich die Handlung doch vor den historischen Ereignissen der Friedlichen Revolution von 1989. Als dann zu dem beeindruckenden Song „Wir sind das Volk“ die Menge der Demonstranten mit brennenden Kerzen erschien und die „echten“ Volkspolizisten – die Uniformen waren tatsächlich echt – auf die Demonstranten losgingen, entstand eine unglaubliche Gänsehaut-Atmosphäre. Die Darsteller wuchsen – stimmlich wie schauspielerisch – so über sich hinaus und die Band spielte die Begleitung so gut, dass die Begeisterung des Publikums alles bis dahin gewesene in den Schatten stellte. Die Stadthalle reichte für den großen Andrang selbst mit zwei Vorstellungen nicht aus. Eine Auszeichnung mit einem Förderpreis aus der Hand der sächsischen Kultusministern stellte auch den hohen pädagogischen Wert dieses Projektes heraus, denn so intensiv kann Geschichte sonst wohl kaum gelernt werden, als wenn sie die Schüler  – wie hier – beim Spielen selbst erleben.

 

Welche Projekte als nächstes in Angriff genommen werden, ist nun – da gerade noch Saitenverkehrt“ in allen Beteiligten nachklingt – offen. Aber eines ist sicherlich klar: Die jetzigen 9. Klassen sind schon sehr auf „ihr“ Projekt im nächsten Schuljahr gespannt, und die Welle der Begeisterung wird – ganz nebenbei – wieder so manche schöne pädagogische Effekte erzielen und alle Beteiligten bereichern und einen großen Schritt in ihrer Entwicklung voran bringen.

 

Ein Beitrag von Benno Tietz, Musiklehrer an der Evangelischen Oberschule „Erhard und Rudolf Mauersberger“ Großrückerswalde