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Die Evangelischen Schulen in Sachsen.

Schulhof — Aktuelles

Begegnungen, Entdeckungen, Erfahrungen

01.06.2017

Rumänienfahrt der Evangelischen Grundschule Radebeul – Ostern 2017

Wie weckt man bei Kindern das Interesse für ein fremdes Land? Indem man begeistert davon erzählt und viele positive Bilder entstehen lässt. Und wenn dies in einer Grundschule die Mitschüler tun, die selbst schon da waren, verfehlt das seine Wirkung nicht. So kam es, dass in diesem Jahr 19 Viertklässler (10 Jungen und 9 Mädchen) unbedingt in den Osterferien mit in das Dorf Dacia kommen wollten. Kann solch eine Reise gewagt werden? Immerhin werden 3 Kleinbusse und 6 Fahrerinnen und Fahrer gebraucht, die bereit sind, über 3.000 km zu fahren.

Erfreulicherweise fand sich beides: mutige Sponsoren, die uns die Autos zu Verfügung stellten und genügend Erwachsene, für die es teilweise ihre erste Fahrt in dieses Land war. An dieser Stelle möchte ich diesen Frauen und Männern herzlich danken, dass sie Mut und Lust auf dieses Reiseabenteuer hatten. Gleichzeitig gilt unser Dank dem Kinderschutzbund Radebeul, der katholischen Gemeinde in Meissen und dem Caritasverband Dresden-Striesen, mit deren Kleinbussen wir fahren durften. Dank großzügiger finanzieller Spenden von einzelnen Personen und der Spende aus dem REWE-Markt im Löma-Center Radebeul war auch in dieser Hinsicht eine unbeschwerte Fahrt möglich. Dafür bedanken wir uns ebenfalls sehr herzlich!

Am Ostersonntagabend war es dann soweit: nachdem die Busse voll bepackt worden waren, bekamen wir einen Reisesegen, den uns Pfarrerin Funke zusprach. Danach starteten wir unsere große Reise. Die Fahrt verlief dank geduldiger Kinder, schneller Abfertigung an der Grenze und durchhaltefähiger Erwachsener problemlos. Am Ostermontagnachmittag fuhren wir in Dacia ein, das sich im Herzen von Siebenbürgen befindet.

Im ehemaligen Pfarrhaus der nicht mehr existierenden deutschen Gemeinde, das zu einem internationalen Begegnungszentrum wurde, war unser Quartier schnell bezogen. Die erste Erfahrung für die Kinder war die, dass es nicht überall warm war und es für alle nur eine Toilette und ein Bad gab. Für Mutige gab es im Freien noch weitere Häuschen zur Benutzung.

Der noch am Abend durchgeführte Rundgang durch das eher kleine Dorf brachte neue Entdeckungen: Trinkwasser gibt es nur an einem Dorfbrunnen, das Wasser fließt spärlich und man braucht Geduld, um einen 5-Literkanister zu füllen. Tiere trinken auch aus den Trögen und manchmal muss man warten, weil die Dorfbewohner Wasser holen. Im Laufe der Woche ergab sich für die Kinder manche Gelegenheit, mit den Einheimischen Kommunikation zu versuchen.

Was den Kindern beim Rundgang sofort auffiel war, dass überall an den Straßenrändern Müll lag. Am Rande des Dorfes ist eine Müllkippe, auf der jeder unsortiert seinen Müll ablädt. Selbst von der Stadt abgeholter Müll landet da. Für uns Deutsche ist dies völlig unverständlich. Betroffenheit löste auch aus, dass in unmittelbarer Nähe davon die Behausungen der Roma-Familien sind. Fotografieren verbot sich, aber das Gesehene bedrückte die Kinder, löste viele Fragen aus und war Inhalt mancher Gespräche in dieser Zeit.

Am kleinen Gebäude des Schulprojektes schauten wir am ersten Abend nur kurz vorbei. Aber bereits am nächsten Tag lernten unsere Schülerinnen und Schüler die sehr engagierte Lehrerin Frau Mircea inmitten der Kinder kennen. Erstaunen löste der kleine Raum aus, in dem bis zu 15 Kinder im Alter von 5 – 16 Jahren von Frau Mircea betreut werden. Die Jüngsten lernen lesen, rechnen und schreiben, die Ältesten werden bei den Prüfungsvorbereitungen unterstützt, die am Ende der 8. Klasse über den weiteren Bildungsweg bestimmen. Als wir kamen, durfte alles Üben unterbrochen werden. Mit den von uns mitgebrachten Bällen gab es bald im Gelände vor dem Gebäude ein Fußballspiel, bei dem Worte nicht nötig waren. Die von uns ebenfalls mitgebrachten Beerensträucher wurden gemeinsam eingegraben und werden hoffentlich bald mit ihren Früchten eine Bereicherung des oft kargen Essens mancher Kinder sein. Für mich, die ich seit 6 Jahren das Schulprojekt besuche, ist es spannend zu sehen, wie die rumänischen Kinder sich entwickeln. Sich wiederzusehen, ist für alle schön.

Im Laufe der Woche gab es vielfältige Begegnungsmöglichkeiten mit den Kindern und ihrer Lehrerin. Wir luden alle in den großen Garten des Begegnungszentrums ein, um miteinander zu spielen. Die rumänischen Kinder waren vom großen Schwungtuch sehr begeistert.

Gemeinsam hatten wir viel Spaß. Gleichzeitig konnten unsere Kinder ihre Kenntnisse der rumänischen Sprache anwenden und z.B. die Farben des Tuches benennen. Natürlich brachten die rumänischen Kinder uns auch ihr Lieblingsspiel bei, das in den nächsten Tagen immer wieder gespielt werden musste.

Bei unseren Begegnungen ist es auch selbstverständlich, dass alle Kinder miteinander essen und trinken und das teilen, was da ist. Wie immer erhielt jedes Kind ein Geschenk, das liebevoll von den Radebeuler Eltern gepackt worden war. Die ebenso von den Eltern gespendeten Materialen für die Arbeit im Schulprojekt wurden von Frau Mircea mit großer Dankbarkeit angenommen. Immer hat sie auch einen Blick darauf, welche Familien ihrer Schülerinnen besondere Unterstützung brauchen und nicht vergessen werden sollten.

Während an einem Nachmittag die Jungs sich zu einem Fußballmatch auf dem Platz am Rande des Dorfes trafen, knüpften die Mädchen in den Zaun des Spielplatzes bunte Bänder. Dabei ergaben sich Möglichkeiten, sich zu verständigen, gemeinsam tätig zu werden und etwas Schönes zu erschaffen.

Neben dem Kennenlernen der Kinder, die im Dorf wohnen und im Schulprojekt betreut werden, ist es ein Anliegen, dass unsere Schülerinnen auch einen Einblick von diesem Land, seinen Bewohnern und seinen Schönheiten und Besonderheiten bekommen.

Der Besuch einer typisch siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburg im benachbarten Viscri gehört genauso dazu, wie das berühmte Schloss des Grafen Dracula in Bran zu sehen und sich im Gruselkabinett so richtig zu gruseln.

Einen besonders eindrücklichen Nachmittag durften wir bei unserem Besuch in einem Seniorenheim der Diakonie in Fischer erleben. Dort wohnen fast ausschließlich alte Siebenbürger-Sachsen, die alle deutsch sprechen. Die Kinder sangen für die sehr offenen Menschen aus voller Kehle bekannte Frühlingslieder, die die Seniorinnen teilweise auch mitsingen konnten. Eine 92jährige Jubilarin hielt eine kleine Rede und bedankte sich, dass die Kinder allen so viel Freude bereiteten. Sie wünschte sich ein Geburtstagsständchen und animierte die Kinder, ihre Begeisterung hörbar zu machen. Anschließend luden die alten Leute zur Besichtigung ihrer Zimmer ein und es ergaben sich für alle interessante Begegnungen, in denen man einander Anteil gab an seinem Leben. Manches traurige Schicksal wurde erzählt. Dennoch war die Zufriedenheit der Menschen mit ihrem jetzigen Leben beeindruckend.

Interessant für uns war ebenso der Besuch eines rumänischen Kindergartens in Rupea. Die sehr engagierte und freundliche Leiterin führte uns durch die Einrichtung und war sehr erfreut über die vielen Materialien, die wir aus Radebeul mitgebracht hatten.

Wir waren außerdem in Braşov in der bekannten Schwarzen Kirche und haben uns die Stadt Sighişoara angesehen. Hier besuchten wir auch einen deutschen Gottesdienst, der anlässlich der Konfirmation teilweise zweisprachig gehalten wurde. Beeindruckend war, dass die Konfirmandinnen ihre siebenbürgischen Trachten trugen. Allerdings hätte keiner gern mit ihnen getauscht und in einer ungeheizten Kirche kurzärmlig dagesessen.

Die Kälte und sogar Schnee haben wir in der Zeit unseres Aufenthaltes auch zu spüren bekommen. So war manches, was wir im Freien geplant hatten, nicht durchführbar. Die Jungs mussten unter Anleitung der erwachsenen Männer Holz hacken. Das taten sie eifrig, so dass die Öfen gut geheizt werden konnten und keiner frieren musste. Auch das gehört zu den Erfahrungen, die man in Rumänien macht: Jeder muss seinen Teil dazu beitragen, dass es allen gut geht. Da muss Wasser geholt werden, Brennholz gehackt und geheizt werden und am Abend muss das Geschirr von 26 Personen abgewaschen und abgetrocknet werden. Es kann auch sein, dass die Wasserpumpe im Keller kaputtgeht und eine neue gekauft und eingebaut werden muss. Dank unserer kundigen und engagierten Männer war auch das kein Problem.

Eine große Bereicherung war für Kinder und Erwachsene die tägliche „Schulstunde Rumänisch“. Mit Frau Rozsalyi, die bereits in den Wochen vor der Reise in der Schule den Kindern eine gute Einführung in die rumänische Sprache gegeben hatte, hatten die Kinder eine kompetente, der Sprache kundige Person an ihrer Seite. Geduldig unterstützte sie alle Versuche der Kinder, das Gelernte anzuwenden.

Da das Begegnungszentrum in Dacia zur internationalen Nagelkreuzgemeinschaft von Coventry gehört, ist es ein fester Bestandteil in dieser Woche, miteinander das Friedensgebet am Freitag um 12.00 Uhr zu halten. Zwei Jungen durften die große Glocke am Glockenstuhl, der im Garten steht, läuten. Danach fand das Friedensgebet statt, das weltweit um diese Zeit gehalten wird und die Beter verbindet.

In der Abschlussrunde am letzten Abend hörten wir in vielfältiger, beeindruckender Weise von den Kindern, wie gut ihnen der Aufenthalt in Rumänien gefallen habe. Der Vergleich des Alltags in Rumänien mit dem, den die Kinder zu Hause erleben, hat allen deutlich gemacht, wie gut es uns hier geht und wie viele Möglichkeiten uns gegeben sind. Die Kinder sind mit großer Offenheit aufeinander zugegangen und haben am Leben der rumänischen Kinder ein Stück Anteil nehmen können. Die Tage waren vielen Kindern zu kurz. Die besonderen Eindrücke werden sicher in ihrer Einmaligkeit in jedem weiterwirken.

Nach einer ebenso unkomplizierten Rückfahrt konnten die schnell herbeigeeilten Eltern ihre Kinder am frühen Morgen nach 9 Tagen wieder in Empfang nehmen. Alle Mitgereisten haben diese Zeit in Rumänien gesund, munter und mit wachen Sinnen erleben dürfen. Die Meinung eines Jungen darf stellvertretend für alle zitiert werden: „Die Kinder, die nicht mit waren, werden alle neidisch auf uns sein, wenn wir erzählen.“

Dem muss nichts weiter hinzugefügt werden als der Dank an Gott unter dessen Segen, Schutz und Bewahrung wir unterwegs waren.

 

Radebeul, im Mai 2017

Dorothea Georgi

Autor(en) des Artikels

Tags

Evangelische Grundschule Radebeul, miteinander, Schüleraustausch