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Die Evangelischen Schulen in Sachsen.

Allgemein — Kommentar

Darum ist Gott auch digital

03.09.2019 Patrick Franz

Tobias Bilz ist Oberlandeskirchenrat und Dezernent der sächsischen Landeskirche für Gemeindeaufbau, Seelsorge und Medien.

 

Jesus wandert durch Samarien und trifft in Sychar eine Frau. Es ergibt sich eine spannende Diskussion: Wo ist der legitime Ort der Anbetung Gottes? Im Tempel in Jerusalem oder auf dem Berg Garizim, dem heiligen Berg der Samaritaner?

Jesus beantwortet diese Frage mit einer erstaunlichen Horizonterweiterung (Joh 4, 24):
„Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten!“

Wenn Gott „Geist“ ist, ist er nach dem Verständnis von Jesus gewissermaßen auch Teil einer geistigen Welt, klassisch hätte man wohl formuliert, dass er in der „unsichtbaren Welt“ existiert. Heute können wir ohne weiteres sagen: Gott ist in der virtuellen Welt zuhause! Sich das bewusst zu machen, zieht einige Konsequenzen nach sich:

– Es gibt wohl keinen „stofflichen“ oder „physischen“ Ort, der Gott fassen kann. Gott ist dafür einfach zu groß. Auch wenn er sich so klein macht, um im Geist des Menschen zu wohnen, geht er darin doch nicht auf.
– Salomo betet bei der Einweihung des Tempels in Jerusalem: Wie könnte dieser Tempel dich fassen, wenn es der Himmel nicht vermag?
– Nach jüdischem, philosophischem und christlichen Denken bedeutet „Stofflichkeit“ eher eine Reduktion der Wirklichkeit: Die menschliche Seele etwa „bewohnt“ den Körper und empfindet diesen vielleicht sogar als Gefängnis. Die antike Ideenlehre ist davon ausgegangen, dass zu jedem physischen Gegenstand eine Idee gehört, die in der Welt des Geistes gewissermaßen als „Prototyp“ hinterlegt ist. Diese Idee ist demnach das Eigentliche!

Für den Umgang mit der digitalen Welt ließe sich daraus schließen, dass es keineswegs so ist, die sogenannte virtuelle Welt als eine weniger reale Welt zu verstehen. Es ist eine Welt des Geistes, in der Menschen kommunizieren und sich begegnen. Es ist eine Welt der Ideen, die in mancherlei Hinsicht die stoffliche Welt entgrenzt. Ist es die „eigentliche“ Welt?

Das Jesuswort aus Johannes 4 fügt zwei weitere Aspekte hinzu:
Wer mit Gott kommunizieren möchte, muss es so tun, wie es Gott entspricht. Für die Kommunikation des Evangeliums in der postmodernen Welt muss das bedeuten, dass wir das Kommunikationsmittel wählen, welches diejenigen benutzen, die wir erreichen wollen. Das bedeutet zumindest für die Generation der „digital Natives“, dass wir sie (auch) über das Internet und die sozialen Medien erreichen müssen. Dazu gibt es keine Alternative.

Schließlich wirft Jesus die Wahrheitsfrage auf: In der Welt des Geistes gibt es kein Verstecken! Alles wird offenbar. Jeder wird so erkannt, wie er ist. Zugespitzt: Vor Gott sind wir gläserne Menschen.
Auch hier kann eine Parallele zur digitalen Welt gezogen werden. Es ist eben auch ein Ort der Offenbarung. Fürchten wir, dass wir bloßgestellt werden könnten? Natürlich müssen alle ethischen Fragen des Umgangs mit sensiblen Daten sorgfältig beantwortet werden. Dennoch fordert uns das Internet heraus, uns so zu zeigen, wie wir sind. Das ist auch eine Chance. Wir werden zeigen müssen und zeigen dürfen, dass Gottes Geist unter uns ist.

Eins jedenfalls sollten wir ganz klar sehen: Die virtuelle Welt ist keine Scheinwelt. Sie ist höchst real und für viele Menschen längst zum Lebensraum geworden. Daraus ergeben sich vielfältige Anknüpfungspunkte für die Kommunikation des Evangeliums. Die unsichtbare Welt ist heute viel realer geworden.

Tobias Bilz, 31.08.2019

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