Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. OK
Die Evangelischen Schulen in Sachsen.

Schulhof — Evangelisches Profil

„Gelbe Karten“ gegens „Runtermachen“

26.05.2015 Priska Krüger

Die Klasse 5b der Evangelischen Oberschule Lunzenau probierte in der Fastenzeit einen außergewöhnlichen Verzicht

 

Die wöchentliche Andacht zu Beginn der Passionszeit hatte den Anstoß gegeben: Mit Übertragungen in die Schülerwelt erläuterte die Religionslehrerin, was es mit dem aktuellen Fastenzeit-Motto „Sieben Wochen ohne Runtermachen“ auf sich hat: Sieben Wochen ohne Beleidigungen, ohne Schimpfworte, ohne Bösartigkeiten.
Die Klasse 5b der Evangelischen Oberschule merkte schnell, dass sie angesprochen ist. Denn unter den 17 Schülern mit einer deutlichen Jungen-Mehrheit herrschte im ersten Halbjahr ein recht rauer Tonfall. Keine Frage: Da hatte sich im Laufe einiger Monate etwas aufgeschaukelt, und die Zehn- bis Elfjährigen wollten dann natürlich noch cooler sein als der jeweilige Banknachbar mit dem flotten Mundwerk.

 

Im Klassenplenum sprach man darüber: Die Klassensprecherin störte sich schon lange am Umgangston. Und da sowieso klar war, dass die 5b noch vor Ostern eine Schulandacht gestalten wird, schlugen die Klassenlehrerin und ihr Stellvertreter ein besonderes soziales Projekt vor: Mit „gelben Karten“ sollten sich die Schüler selbst auf derartige Grenzüberschreitungen aufmerksam machen.
Doch zuvor galt es erst einmal, alle für das Thema zu sensibilisieren. In einer Dop-pelstunde übten die Schüler, sich gegenseitig Freundlichkeiten zu sagen. Sie erfuhren, wie schön es sein kann, wenn man gelobt wird. Und dass es am schönsten ist, wenn dieses Lob sich nicht auf Leistung, sondern auf die Persönlichkeit bezieht. Dass es bei Kritik genau umgekehrt ist, war der nächste Schritt: Kritik an Leistungen kann hart sein. Aber vor allem Kritik an der Persön-lichkeit trifft dort, wo es weh tut, lernten die Schüler und testeten, Kritik in positive Worte zu kleiden.

Nun galt es, „Gelbe Karten“ zu basteln und auf deren Rückseite die im Plenum auf-gestellten Regeln zu schreiben:
1) Wir verzichten auf Beleidigungen, auf Schimpfwörter und auf unsachliche Kritik.
2) Wenn jemand beleidigend wird, erhält er die Gelbe Karte.
3) Wer eine Gelbe Karte erhält, muss ruhig sein. Der andere darf erklären, was ihn stört.
4) Nun hat der erste die Chance, sich zu entschuldigen. Er darf aber seine Worte in sachliche Kritik ändern. Wichtig ist: sachliche Kritik muss positiv beginnen!

Klasse_5b_1

Das Schönste am Projekt für die Schüler: Nach Rücksprache im Kollegium durften die Fünftklässler die Gelben Karten auch Lehrern zeigen. Denn auch Pädagogen sind nicht frei von unsachlicher Kritik. Und für die Dauer des Projektes sollten wirklich für alle Beteiligten die gleichen Regeln gelten.

 

Zwei Beispiele zur Erläuterung: Ein Schüler „textete“ einen anderen unablässig zu. Das nervte. Darum rief der andere irgendwann: „Halt endlich dein Maul“. Und bekam umgehend die Gelbe Karte. Die Schüler haben über diesen Fall eine Weile gesprochen. Ist das richtig, dass sich derjenige, der genervt wurde, auch noch entschuldigen muss? Ja, entschied die Klasse. Denn er hatte sich im Ton vergriffen. Der andere Fall: Ein Junge neckte ein Mädchen, indem er ihren Namen verdrehte Das Mädchen zeigte ihre Karte? Ist das richtig? Ja, meinte das Plenum: Denn der Name gehört zu unserer Persönlichkeit. Und jeder hat das Recht, selbst zu entscheiden, wo für ihn Spaß aufhört und Beleidigungen anfangen.

 

Es war keinesfalls einfach, das mehrere Wochen lang durchzuhalten. Es gab Schüler, denen war es egal, ob sie die Gelbe Karte erhielten, und sie sagten das auch deutlich. So verschärfte die Klasse in der letzten Woche noch einmal die Regeln: Wer trotz gezeigter Karte nicht reagiert, wurde nun von den Klassensprechern mit der „Kuchenstrafe“ belegt. Zwei Schüler waren es letztlich, die am letzten Schultag vor Ostern darum jeweils einen kleinen Kuchen mitbrachten und ihn teilten.

 

Beim gemeinsamen Essen war sich dann die ganze Klasse einig: „Wir haben die Wochen genutzt, um ein wenig über unseren Umgangston nachzudenken. Den kann man in drei Wochen sicher nicht ändern. Aber man kann sich Mühe geben.“ Am Ende stand es jedem Schüler frei, wie er weiter mit den „Gelben Karten“ umgeht: Einige brachten ihre Kartons gleich zum Papierkorb, wieder andere ließen sie in der Federmappe, um sie im Bedarfsfall erneut einzusetzen. Und nicht nur die Klassensprecherin freute sich: „Auf jeden Fall hat das Projekt unsere Klasse zusammengeschweißt.“

 

 

Text von Hagen Kunze, Musiklehrer der Evangelischen Oberschule und stell-vertretender Klassenleiter der Klasse 5b

Autor(en) des Artikels

Tags