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Die Evangelischen Schulen in Sachsen.

Schulhof — Interview

Gemeinsam lernen und leben

23.05.2016 Wiebke Nenoff

DAZ Klasse an der Montessori GS Plauen_1

Die Evangelische Montessori Grundschule in Plauen hat sich einer großen Aufgabe angenommen: 10 Kinder, die mit ihren Familien nach Deutschland geflüchtet sind, besuchen seit März 2016 die eigens eingerichtete DAZ-Klasse. Sie kommen aus Syrien und Afghanistan, und haben einen langen, zum Teil sehr schweren Weg hinter sich. Mit der Schulleiterin, Frau Sylvia Faerber, haben wir ein Gespräch über Ihre Erfahrungen geführt:

 

Wie kam es dazu, dass Sie eine DAZ-Klasse aufgenommen haben?

„Wer, wenn nicht wir“, haben wir uns gesagt. Zu Beginn des Schuljahres haben wir uns – der Schulträger und die Schulleitung – zur Gründung einer DAZ-Klasse entschlossen. Nach ersten Gesprächen mit dem Bildungsagentur und mit unserem Team haben wir einen Antrag an die Sächsische Bildungsagentur (SBA) gestellt: Bis zu 15 Kinder wollten wir in Schule und Hort aufnehmen. Wichtig dabei war es uns, dass die Schüler auch den Hort besuchen, weil sie dort mit den anderen Kindern in spielerischen Kontakt kommen. Und das war eine richtige Entscheidung: Die spielerische Kommunikation unter den Kindern hat von Anfang an gut funktioniert. Sie haben schnell ihre eigenen Wege zur Verständigung gefunden und beim Spracherwerb zeigen die neuen Schützlinge rasante Fortschritte.

 

Welche Hürden galt es, bis zur Eröffnung der DAZ-Klassen zu überwinden?

Es gab und gibt viel zu organisieren. Wir erhalten das Geld für die Schulplätze wie bei den anderen Schülern auch über die SBA. Das Schulgeld, welches sonst die Eltern tragen übernimmt der Schulträger. Der hat auch die Hortbeiträge vorgestreckt, bis alle Formalitäten geklärt waren. Wir als Schule haben viel bürokratische Arbeit übernommen – die Anträge für die Essensgeldermäßigung, den Hortplatz und die Schülerbeförderung. Die Eltern können dies aus sprachlichen Gründen nicht alleine, die Sozialarbeiter und Behörden sind oft überfordert. Also haben wir viel selbst in die Hand genommen, damit wir mit der ganzen Klasse starten konnten. Wir sind immer noch in engem Kontakt mit der Migrationsbeauftragten aus der SBA, der Ausländerbehörde der Landesdirektion und dem Jobcenter. Die Zusammenarbeit erleben wir tendenziell als positiv. Zuletzt ging es um die Übernahme der Fahrtkosten für einen gemeinsamen Ausflug – es gibt immer wieder neue organisatorische Fragen, die sich auftun.

 

DAZ Klasse an der Montessori GS Plauen_2

Wie gestalten sich der Schulalltag und die Integration der geflüchteten Kinder in den Unterricht?

In der DAZ-Klasse werden die neuen Schützlinge 10-15 Stunden in der Woche gesondert vor allem Deutsch unterrichtet. Aus der DAZ-Klasse sollen die Schüler Stück für Stück in die regulären Klassen integriert werden. Zuerst besuchen sie einzelne Unterrichtsstunden, in denen die Sprache nicht so vordergründig ist, wie Sport, Musik und Werken. Später steigen sie komplett in den normalen Klassenunterricht ein. Zwei Kinder sind dort schon angekommen. Bei anderen braucht es mehr Zeit und Geduld, bis sich sie sich in den regulären Unterricht einfinden. Aber wir sind auf einem guten Weg und zuversichtlich, dass die Schüler langsam in den Schulalltag hinein wachsen. Total klasse läuft das gemeinsame Spielen im Hort. Kinder, die zum Teil noch nie zuvor eine Schule oder eine Kita besucht haben, genießen diesen Raum und die Zeit des Spielens besonders. Vor allem begegnen sich die Schüler untereinander hier sehr offen, lernen sich kennen und akzeptieren.

 

Sie unterrichten an Ihrer Schule nach der Montessori-Pädagogik. Sicher ist dies hilfreich, um den Einstieg der geflüchteten Kinder zu erleichtern?

Auf jeden Fall. Die Montessori-Pädagogik arbeitet viel mit offenen Unterrichtsformen und berücksichtigt den individuellen Lernprozess des Einzelnen. Dies erleichtert natürlich den Einstieg für die geflüchteten Kinder. Aber wir haben ja auch noch andere Integrationskinder an unserer Schule, die von diesem Konzept profitieren.

 

Gab es Bedenken aus dem Kollegium oder der Elternschaft?

In unserem Team haben wir das Vorhaben ausgiebig besprochen. Wir haben die Anzahl der aufzunehmenden Kinder auf 15 begrenzt, dadurch war allen klar, dass es sich um eine überschaubare Schülergruppe handelt und eine Aufgabe, die bewältigt werden kann. Es gab darüber hinaus verschiedene Vorbehalte und Kommentare aus der Elternschaft. Wir haben versucht, in Gesprächen und Informationsschreiben offen damit umzugehen und die Aufnahme und Integration dieser Kinder als klare Aufgabe beschrieben, der wir uns als Schule annehmen wollen. Das wurde weitestgehend akzeptiert. Ein Großteil der Vorbehalte hat sich auch gelöst, als das gemeinsame Leben und Lernen konkret wurde.

 

Wie ist die Zusammenarbeit mit den Eltern aus den geflüchteten Familien?

Die Eltern sind froh, dass ihre Kinder die Schule besuchen dürfen. Darüber hinaus gibt es natürlich auch sprachlich bedingte Verständigungshindernisse mit den Eltern. Wir versuchen so gut wie möglich, die Eltern einzubinden. Zum nächsten Elternabend haben wir zwei Dolmetscher für Arabisch und Farsi eingeladen und würden gern die Eltern zum Sommerfest einbinden. Ein Problem hatten wir mit zwei Kindern, die einfach eines Tages nicht mehr da waren. Keiner konnte uns Auskunft geben, auch die Behörden nicht. Wir vermuten, dass die Familie in Düsseldorf bei Verwandten untergekommen ist. Das war zunächst schon schwierig für uns, wir waren ratlos und der Schulplatz plötzlich unbesetzt. Grundsätzlich ist jedoch das Interesse der Eltern zur Zusammenarbeit vorhanden. Mit den Kindern ist es einfacher, sie sind schneller und hemmungsloser in der Kommunikation.

 

DAZ Klasse an der Montessori GS Plauen_4

Ihre Schule ist eine evangelische Schule. Gab es da Spannungen zwischen Ihrem evangelische Profil und dem religiösen Hintergrund der neuen Kinder?

In der Tat gab es zu Anfang Bedenken, dass es schwierig werden könnte, mit muslimischen Kindern an einer evangelischen Schule. Aber das hat sich überhaupt nicht bestätigt. Die Eltern der geflüchteten Kinder wissen ja von unserem Profil und haben keine Probleme damit, dass religiöse Rituale zum unserem Schulalltag gehören. Die Kinder kommen gern hierher, sind stolz auf ihre Schule. Sie nehmen selbstverständlich an unseren Festgottesdiensten teil und werden, wenn sie in den Klassen angekommen sind, auch den Religionsunterricht besuchen. Ähnlich ist es ja auch mit konfessionslosen Schüler an unserer Schule. Im Schulalltag gibt es natürlich auch Kleinigkeiten zu berücksichtigen, beispielsweise bei der Essensbestellung. Eine Frage die noch offen ist, ist die Beteiligung der muslimischen Mädchen am Schwimmunterricht in der zweiten Klasse. Ich denke, dass wir auch da eine gute Lösung finden.

 

Was raten Sie anderen Schulen, die auch eine DAZ-Klasse eröffnen wollen?

Es ist gut, mit einer kleinen Gruppe anzufangen. Man sollte Zeit und Geduld mitbringen und zu Beginn viel spielerisch arbeiten. Das Organisatorische ist nicht zu unterschätzen. Aber es ist eine Aufgabe, die sich lohnt. Wir alle erleben das gemeinsame Miteinander als große Bereicherung für unsere Schule!

 

 

Das Interview führte Wiebke Nenoff.