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Die Evangelischen Schulen in Sachsen.

Schulhof — Evangelisches Profil

Hauptfach Mensch am Beispiel eines Geschichts­projektes

26.05.2015 Priska Krüger

Braune Pappkartons bedecken übereinander gestapelt eine ganze Wand. Davor sitzen an einem Tisch drei schwarz gekleidete Gestalten. Sie wirken teilnahmslos, stützen ihre Köpfe auf den grauen Holztisch. Einer dreht unaufhörlich seinen Löffel in seiner Kaffeetasse. Ein quietschendes, sich ständig wiederholendes Geräusch entsteht dabei. Sein gleichgültiger Gesichtsausdruck wirkt müde. Das Licht der Leuchtstoffröhren belegt die Gesichter der drei Anwesenden mit einer blassen Farbe. Es lässt diese völlig ungerührt, als sich plötzlich die Türe öffnet. Ein großer, ebenso schwarz gekleideter Mann betritt den Raum. Sein Körper überragt die an den Tisch gekauerten deutlich. Schleppend bewegt er sich an ihnen vorbei. Man kann sein gemurmeltes „Morgen“ nur erahnen. Als Antwort ist ein Grummeln zu vernehmen. Die Blicke und die Körperhaltung bleiben unverändert. Die vierte Person setzt sich zu den anderen und nimmt die Tasse, die durch den Löffel das penetrante Geräusch erzeugt. Wie aus dem Nichts löst sich einer von ihnen aus seinem abwesenden Zustand und äußert in einem unerwartet lebendigen Ton: „Du musst erst deinen Text sagen!“ Jetzt lockern sich alle. „Mist!“, ärgert sich der Vierte im Bunde, steht auf und verlässt den Raum.
Sofort beginnt die Szene von Neuem. Wieder dieses nervtötende Geräusch. Eine gefühlte Ewigkeit. Dann geht die Tür auf. Wieder betritt die Gestalt den Raum. „Morgen.“ Grummeln. Sie setzt sich und greift nach der Tasse. „Nein!“ „Man, das ist doch nicht so schwer!“ „Schon wieder!“ Jetzt gesellen sich zu den Beschwerden auch ein paar Lacher von der anderen Seite des Raumes zu der Situation. Es sind im Dunkeln noch mehr Leute anwesend. Alles beginnt wieder von vorne und wiederholt sich für die nächste halbe Stunde noch fast zehn weitere Male. Am Ende ist das Gelächter aller Beteiligten so intensiv, dass so manchem sogar Tränen über die Wangen laufen.

 

 

Die Theatergruppe der Evangelischen Mittelschule Pirna probt gerade ihr Stück und es ist auch nicht morgens, sondern mitten in der Nacht im Keller der Schule. Dieser Ort schenkt der Thematik die richtige Atmosphäre. Acht Schüler der 9. Klasse tüfteln bis nach Mitternacht gemeinsam mit ihren zwei Betreuern an der Handlung. Immer wieder wird eine Idee beigesteuert, diskutiert und auch über den Haufen geworfen. Und es wird wie im geschilderten Beispiel geprobt, nicht selten mehrmals hintereinander, bis es endlich klappt.
Gegenstand des Theaterstücks ist die Auseinandersetzung mit der deutsch-deutschen Geschichte kurz vor dem Mauerfall. Zwei junge Menschen lernen einander im Zug kennen und starten eine Brieffreundschaft über die innerdeutsche Grenze hinweg. Sie stoßen auf Vorurteile, die sie gegeneinander hegen, und relativieren sie auf teils erheiternde Weise. Die Stasi überwacht die Kommunikation und greift schließlich ein, als sie glaubt, staatsfeindliche Entwicklungen im Briefverkehr zu erkennen. Die beschriebene Szene stellt die Mitarbeiter der Staatsmacht vor Schichtbeginn dar.

 

 

In der gemeinsamen Entwicklung des Stücks erkennen die Schüler, dass Wünsche und Sehnsüchte selbst gemacht sein können, dass der Wunsch nach Freiheit zur drängendsten Lebensfrage werden, aber Freiheit auch neue Sorgen und Probleme aufwerfen kann. Die Theatergruppe diskutiert gemeinsam über jede einzelne Szene und jedes gesprochene Wort. Die Schüler versuchen sich in eine andere Zeit hineinzuversetzen. Wie würden sie selbst handeln? Was würde sie beschäftigen? So kam die Theatergruppe beispielsweise zu dem Schluss, die Staatssicherheit der DDR einerseits als bedrohende Maschinerie darzustellen, die in der Lage ist, private Existenzen zu bedrohen. Andererseits sollen die einzelnen Menschen hinter diesem Staatsorgan gezeigt werden, die genauso wie das „einfache Volk“ Sehnsüchte haben, und im Einzelfall vielleicht sogar das System kritisch sehen. Mit ihrem Erscheinen nach außen und ihren Taten bleiben sie aber Repräsentant der DDR.

 

 

Tagsüber sind vor dem Schulgebäude deutlich die Fahnen mit dem Schriftzug „Hauptfach Mensch“ zu erkennen. Dieser Slogan wird an unserer Bildungseinrichtung auf verschiedene Weise und unterschiedlichen Ebenen umgesetzt. Die Auseinandersetzung mit dem Menschen selbst und seinem Schaffen gehört dazu. Das Theaterstück ist ein Teil eines Geschichtsprojektes. Das rollenhafte Hineinversetzen in eine andere Zeit und andere Vorbilder eröffnet den Jugendlichen neue Perspektiven und hinterfragt Menschenbilder und gängige Klischees.

 

Die Teilnehmer des Neigungskurses erkennen, dass es in der Regel kein einfaches Richtig oder Falsch gibt. Bestätigt wird ihr Eindruck von Zeitzeugeninterviews. Sie wurden von der Geschichtsklasse unserer 10. Klasse durchgeführt und dienen als Informationsgrundlage für das Theaterstück. Vor der Kamera saßen Menschen, die das geteilte Deutschland erlebt haben. So kamen manche Jugendliche das erste Mal dazu, ihre eigenen Verwandten ausführlich zu dieser Thematik zu befragen. Anfänglich noch nervös begrüßten sie ihren Interviewpartner und stellten die erste Frage: „Ja, also… erzählen Sie doch etwas ganz grob über ihren Schulalltag.“ Was zunächst noch etwas stockend anmutete, entwickelte sich oft zu lebendigen Gesprächen über die Vergangenheit.

Interviewpartner

 

Einige Interviewpartner schienen froh darüber zu sein, so ausführlich von ihren eigenen Erfahrungen berichten zu können. Sie gaben Auskunft über ihre Jugend, ihre Sehnsüchte und den Alltag. Immer wieder gab es „Aha“-Effekte, wenn im Einzelfall diese Zeit doch nicht so war, wie es zuweilen das Geschichtsbuch vermittelt. Selbstkritisch gaben auch einzelne Zeitzeugen zu, dass sie die Musik des Westens nur gut fanden, weil sie eben aus dem Westen und verboten war. Heute empfinden nicht wenige Befragte die eigene Musik von damals als durchaus attraktiv. Die DDR nahm ihrem Bürger Verantwortung ab und nahm nicht selten sogar Zukunftsängste. Dennoch verwehrte sie den Menschen Vieles, was zu Sehnsüchten führte, und unterdrückte sie politisch. Mit leuchtenden Augen berichteten im Interview ehemalige DDR-Bürger vom Duft des Intershops und ihrer ersten Jeans. Die Schüler erkannten auf lebendige Weise die Schattenseiten dieses Systems, das an vielen Bürgern Unrecht beging, und bekamen ein Verständnis für geschichtliche Entwicklungen. Diese Erfahrungen fließen derzeit in die Theaterproben ein und münden nach langem Überlegen und Abwägen schließlich in eine Szene.

 

„Hauptfach Mensch“ bedeutet an unserer Schule somit auch die Auseinandersetzung mit dem Menschen. Unterricht kann mehr sein als das Geschichtsbuch: lebendig, überraschend und oft lustig.

 

Autor:  Jochen Kretschmann, Evangelische Mittelschule Pirna

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Evangelische Mittelschule Pirna