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Die Evangelischen Schulen in Sachsen.

Allgemein — Studienfahrt Heiliges Land

3. Tag: Jerusalem

14.10.2015 Wiebke Nenoff

Unheiliges Getümmel an heiligen Stätten

Täglich mehrmals hatte das Reiseprogramm sich inzwischen geändert, immer im Rhythmus neuer Meldungen über Gewalt und Gegengewalt in Jerusalem und anderer Brennpunkte im israelischen und palästinensischen Gebiet. Vielleicht wären wir nicht nach Jerusalem gefahren, wenn wir die Nachrichten des Abends schon am Morgen gewusst hätten. Unser Ziel war es, den Spuren Jesu vom Ölberg bis nach Golgatha zu folgen. Wir begannen unseren Weg auf dem uralten jüdischen Friedhof, dessen Gräber zum Teil noch aus biblischer Zeit stammen. Die Juden glauben, dass der von ihnen erwartete Messias aus dem Osten nach Jerusalem kommt und dass sie ihm deshalb von diesem im Osten Jerusalems liegenden Friedhof zuerst begegnen werden. Deshalb zählen die Gräber hier zu den teuersten der Welt. Vom Friedhof aus genießt man ein beeindruckendes Panorama der Altstadt von Jerusalem.

Grabeskirche

Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen. Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist. (Lk 19,41-44)

Dort, wo Jesus auf dem Weg nach Jerusalem weinte, steht heute die Tränenkapelle Dominus Flevit. Es war noch recht ruhig hier, als wir am frühen Morgen die Lukasverse lasen. Mit gemischten Gefühlen genossen wir alle die Aussicht. Was uns heute an den anderen heiligen Stätten erwarten würde, wussten wir nicht. Konnten wir überall hin? Würden Soldaten uns den Weg versperren? Würden wir in irgendwelche Auseinandersetzungen hineingeraten?

Unser Weg auf den Spuren Jesu führte uns nun zum Garten Gethsemane. Wir lasen aus dem Matthäus-Evangelium, und allein die Vorstellung, dass Jesus in seiner Todesangst zwischen den gleichen Olivenbäumen betete, die wir heute noch hier sehen, erfüllt wohl jeden Christen mit Ehrfurcht, auch wenn wir nicht wissen, ob der Garten sonst heute noch so aussieht wie vor 2000 Jahren.

Wir besuchten den Teich Bethesda, an denen Jesus den Lahmen heilte, sangen in der Annenkirche, die für ihre beeindruckende Akustik in der ganzen Welt berühmt ist, durchschritten das Löwentor, auch Stephanstor, wo der erste christliche Märtyrer gesteinigt worden war, und folgten der Via Dolorosa von seiner Begegnung mit Pontius Pilatus bis zur heutigen Grabeskirche. Der Weg schlängelt sich mitten durch einen orientalischen Basar, Touristengruppen schieben sich durch die engen Gassen – das Leiden Christi hier tatsächlich nachzuerleben, gelingt nur schwer. Aber wir können uns diesen Weg jetzt vorstellen, wissen um die Entfernungen, kennen die Steine und die Stufen, auch wenn diese in den Jahrhunderten immer wieder überbaut wurden, und haben die Stelle gefunden, an der Jesus einst den von der Stadtmauer umgrenzten Bereich verließ. Wenn wir nun an den Kreuzweg zurückdenken, können wir das Getümmel ausblenden und den Weg im Geist noch einmal gehen – ohne Basare, ohne Touristen, und wir werden ihm so wirklich begegnen.

Nicht anders erging es vielen von uns in der Grabeskirche, die mich ein wenig an eine überdimensionale russische Matrjoschka erinnerte – Kirche in Kirche in Kirche… Es ist nicht zu übersehen, dass sechs christliche Kirchen Anteil an diesem Bauwerk haben. Obwohl uns vieles befremdlich erschien und Jesus sicher sehr überrascht von dem Getümmel auf dem Berg seiner Kreuzigung wäre – dass sich hier Christen unterschiedlichster Konfessionen aus so vielen Völkern friedlich begegnen, um Jesus nah zu sein, zu beten und gemeinsam zu singen, das rührte uns wohl alle.

Den Höhepunkt des Besuches der Heiligen Stätten bildete aber unsere gemeinsame Andacht unter der Leitung von Pfarrer Frank Meinel in der Kreuzfahrerkapelle der Evangelischen Erlöserkirche. Hier kamen wir wirklich zur Ruhe, lasen aus dem Johannesevangelium und riefen uns in Erinnerung, was der Tod und die Auferstehung Jesu für uns Christen heute eigentlich bedeuten: die Überwindung des Todes durch Gottes Liebe. Diese Osterbotschaft, die für uns alle hier mehr als an jedem anderen Ort spürbar wurde, war wohl für viele der bewegendste Moment des Tages.

Am Nachmittag begaben wir uns auf die Spuren des Alten Testaments, sahen die Schriftrollen, die im Schrein des Buches aufbewahrt werden und betrachteten lange und staunend das Modell der Stadt Jerusalem zur Zeit des zweiten Tempels, also zu der Zeit, in der Jesus wirkte und starb. Uns wurde bewusst, wie viele Kriege und Friedensschlüsse, wie viel Leid und wie viel Hoffnung die Schriftrollen seit der Zeit, in der die Essener sie mit Hingabe und Akribie beschrieben hatten, schon gesehen hatten, und wie hoch ihr Wert für die Bibelforschung ist, sind sie doch die ältesten tatsächlich erhaltenen Abschriften von Teilen des Alten Testament. Und vor dem Modell Jerusalems wurden Geschichten lebendig, die wir aus den Geschichten über David und seinen Sohn Salomon und aus den Evangelien längst kennen.

Die Vielzahl der Eindrücke und Bilder, die uns heute überwältigten, werden wir wohl erst zu Hause ordnen können. Aber auch wenn es aufgrund der bedrückenden Militärpräsenz angesichts der momentanen Lage nicht möglich ist, die Gegenwart tatsächlich auszublenden, überwogen am Ende des Tages Freude und Dankbarkeit darüber, die für uns Christen wichtigsten Orte mit eigenen Augen gesehen zu haben.

Birgit Hofmann/ Frank Meinel

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