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Die Evangelischen Schulen in Sachsen.

Lehrerzimmer — Evangelisches Profil

Kopf im Himmel, Füße auf dem Boden

05.10.2017

 

 

Nach mehr als einem Jahr Weiterbildungszeit eröffnete der Profilkurs „Religiöse Sprachfähigkeit“ für Pädagoginnen und Pädagogen an evangelischen Schulen neue Perspektiven spiritueller Lebendigkeit.

Keine Frage, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kurses aus Schulen dreier Schulstiftungen der Evangelischen Kirche in Deutschland haben sich durch biblisch-theologische Grundlagen, spirituelle Praxisbausteine und vor allem ihre eigenen Bilder des Glaubens „geackert“. Mit Vertrauen, Optimismus und Freude, aber eben auch mit offenem Ausgang, denn das Projekt unter Federführung der Schulstiftung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens richtete sich bereits zum zweiten Mal an pädagogische Fachkräfte ohne expliziten religionspädagogischen Hintergrund. Bereits zum Start im vergangenen Jahr im Erfurter Augustinerkloster gingen die beiden Referenten Professor Roland Rosenstock und Pfarrer Bertram Althausen auf die Erwartungen und Zweifel der Teilnehmenden ein. Religiöse Sprachfähigkeit – im Sinne einer lebendigen, echten und lebensnahen Vermittlung des Glaubens im Kontext der Aufgaben evangelischer Schulen – wird in Zeiten zunehmender Säkularisierung bundesweit immer wichtiger. Kein Geheimnis hingegen ist es, das in Ostdeutschland nur noch jeder Fünfte Mitglied der evangelischen oder katholischen Kirche ist und in puncto Gottesferne auch die jüngere Generation den Atheismus nicht abschwächt. So sind es nicht ausschließlich christliche Elternhäuser, die ihre Kinder in evangelischen Schulen anmelden. In einigen Regionen Deutschlands lernen überwiegend „unfromme“ Schülerinnen und Schüler in evangelischen Schulen und nicht immer wird die Aneignung eines ernsthaften Glaubens – abgesehen von diffuser Spiritualität oder allgemeiner Wertschätzung der Kirchen – in Erwägung gezogen.

Hier setzte der Kurs – der auch durch die Evangelische Schulstiftung Mitteldeutschlands und der Evangelischen Schulstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) getragen und von der Evangelischen Schulstiftung in der EKD gefördert wurde – systematisch, strukturiert und alltagsbezogen an. Der Kurs sollte die teilnehmenden Pädagoginnen und Pädagogen befähigen, den evangelischen Schulalltag aktiv mitzugestalten und Hemmungen in Bezug auf den Umgang mit religösen Ritualen und Themen abzubauen. Darüber hinaus sollten sich die Teilnehmenden der eigenen Glaubenshaltung bewusster werden und didaktische Grundlagen zur Entwicklung und Einbindung religiöser Elemente in den Schulalltag praktisch erarbeiten. Kein Zuckerschlecken, denn die beiden Referenten Rosenstock und Althausen forderten die Teilnehmenden zwar achtsam, aber dennoch mit Nachdruck auf, dem Sein weitaus mehr Gewicht zu geben als dem Schein – religiöse Erfahrungen nicht zu simulieren, sondern in sich selbst zu entdecken, um später als Multiplikatoren an ihren Schulen kollegiale und interschulische Vernetzungen zu befördern. Um damit das evangelische Schulwesen insgesamt zu stärken, denn an Zulauf mangelt es derzeit nicht.

In vier Modulen setzten sich die Pädagoginnen und Pädagogen mit den Kerntexten der Bibel, dem Gottesverständnis von Kindern und Jugendlichen im konfessionslosen Kontext, liturgischen Bausteinen in der Praxis und alternativen pädagogischen Konzepten auseinander, etwa um den Zusammenhang zwischen alternativer Pädagogik und evangelischer Religion zu erfahren. „Ich habe als Naturwissenschaftlerin vorher zwar immer hinter den Werten des Christentums gestanden“, sagte Kursteilnehmerin Anja Duns-Tietz, Schulleiterin der Evangelischen Schule Schönefeld. „Deswegen bin ich auch mein ganzes Berufsleben an evangelischen Schulen tätig, aber die Existenz Gottes habe ich dennoch immer bezweifelt, weil ich mir Gott nicht vorstellen konnte.“ Rainer Gronen, Leiter Fort- und Weiterbildung in der Evangelischen Schulstiftung der EKBO, fasste die Frage nach seinen persönlichen Eindrücken am Ende des Kurses so zusammen: „Für mich sind sehr wesentliche Dinge passiert, die mich im vergangenen Jahr bewegt haben. Ich bin mir klar darüber geworden, wie mein Gottesbild aussieht und wie es sich zusammensetzt.“

Die Langzeitfortbildung mit insgesamt fünfzehn Präsenztagen „ließ vor allem persönlichen Tiefgang“ zu, war Volker Schmidt, Vorstand der Schulstiftung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, sicher. Zur Übergabe der Kurs-Zertifikate in Herrnhut sprach er sichtlich bewegt über die Chancen, die für die evangelischen Gemeinden, insbesondere aber für die evangelischen Schulen in reflektierter religiöser Sprachfähigkeit liegen. Denn evangelische Kirchen und evangelische Schulen seien nicht nebeneinander zu denken, im Gegenteil, sie können einander ergänzen und beflügeln.

Auch hierauf gab der Kurs praxistaugliche Antworten. Das Thema „Kirchenpädagogik als schulkooperative Arbeit mit der Ortsgemeinde“ war Bestandteil des dritten Moduls „Spirituelle Praxisbausteine“ und war mehr als nur Vision. Viele Pädagoginnen und Pädagogen sehen evangelische Schulen mittlerweile als temporäre Gemeinden, die durchaus auch in konfessionslosen Kontexten punkten können. Kinder und Jugendliche, deren Wegbleiben von Ortsgemeinden schmerzhaft registriert wird – in konfessionellen Schulen sind sie inklusive einer oft engagierten und ansprechbereiten Elternschaft präsent. Eine großartige Chance zur Vernetzung mit gemeindlichen Aktivitäten, für erste und aufbauende Religionserfahrungen gleichermaßen.

Referent Roland Rosenstock, Professor für Praktische Theologie an der Ernst-Motitz-Arndt-Universität Greifswald, betonte zum Kursabschluss, dass religiöse Sprachfähigkeit nicht mit dem Betreten des Schulgebäudes beginne und nach Dienstschluss ende, sondern als ein „lebenslanger, persönlicher Lernprozess“ verstanden werden möchte.

Mit den Köpfen im Himmel und den Füßen auf dem Boden – die religiöse Sprachfähigkeit an evangelischen Schulen wird wesentlicher Baustein für die Zukunft evangelischer Kirche sein.

 

Von Uwe Baumann