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Die Evangelischen Schulen in Sachsen.

Allgemein

„Manchmal sind kirchliche Schulen staatlichen einen Schritt voraus!“

18.06.2020

sACHSENS kULTUSMINISTER cHRISTIAN PIWARZ SCHWÄRMT IM iNTERVIEW VON EV. Schulen

 Bild: Christian Piwarz (CDU, dritter von links) verfolgte die Jubiläumsveranstaltung der Schulstiftung in der EKD neben Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD/zweiter von links).

Sachsens Kultusminister Christian Piwarz gehörte im vergangenen Jahr zu den Festrednern anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Evangelischen Schulstiftung in der EKD. Über die Rolle von Schulen in evangelischer Trägerschaft spricht er rückblickend auf die feierliche Veranstaltung hier in unserem Interview.

Herr Piwarz, Sie waren einer der Festredner anlässlich des Jubiläums der Evangelischen Schulstiftung in der EKD im März dieses Jahres in Leipzig. Wie haben Sie evangelische Schulen speziell auf dieser Veranstaltung erlebt?

Christian Piwarz: „Es war ein sehr würdiges und festliches Programm mit interessanten Gästen. Mir ist noch sehr gut in Erinnerung, mit wie viel Freude und Leidenschaft die Schülerinnen und Schüler für uns musiziert haben. Leider konnte ich nicht die gesamte zweitägige Festveranstaltung begleiten, aber im Programm ist mir ein Lied des Bläserchors des Evangelischen Schulzentrums Leipzig in Erinnerung geblieben: „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, muss eine Mannschaft sein, sonst ist man auf der weiten Fahrt verloren und allein.“ Das passt sehr gut in unsere heutige Zeit, in der wir Zusammenhalt, Anstand und Toleranz wieder mehr leben müssen. Nur wenn wir gemeinsam aufeinander zugehen, andere Meinungen und Ansichten akzeptieren und darüber diskutieren statt auszugrenzen, können wir das Schiff auf schwieriger See zusammenhalten, ohne dass es in der Mitte auseinanderbricht. Bei den aktuellen Koalitionsverhandlungen ist dieses Lied als Kompass immer in meinem Hinterkopf.“

Und welche Rolle spielen evangelische Schulen im Bundesland Sachsen? Immerhin gab es dort die meisten evangelischen Schulneugründungen bundesweit…

Piwarz: „Vor einem Vierteljahrhundert gab es das evangelische Schulwesen quasi noch nicht. Heute besuchen rund 12.700 Schüler eine der über siebzig landeskirchlich anerkannten Schulen in Sachsen. 2.000 Schüler lernen davon in Schulen in Trägerschaft eines Kirchenbezirks. Die christlichen Schulen sind in der Schullandschaft etabliert und sie tragen zur Bildungsvielfalt im Freistaat bei. Das ist wichtig, denn erfolgreiche Bildungsarbeit braucht den Wettbewerb um die besten pädagogischen Konzepte, besonders als Antwort auf die immer weiter steigende Heterogenität der Schüler. In manchen Punkten sind die Schulen in kirchlicher Trägerschaft den staatlichen Schulen sogar einen Schritt voraus. Ich denke hier zum Beispiel an die Inklusion, die an den evangelischen Schulen von Beginn an zum Selbstverständnis gehört. Wir können voneinander lernen und davon profitieren letztlich die Schüler.“

 

„Die christlichen Schulen schaffen besonders im ländlichen Raum Auswahlmöglichkeiten, füllen Angebotslücken“

 

Wie bedeutsam sind evangelische Schulen im ländlichen Raum Sachsens?

Piwarz: „Wir alle haben das gemeinsame Ziel – möglichst gute Bildung für alle Schüler zu erreichen, egal ob Stadt oder Land. Die christlichen Schulen schaffen besonders im ländlichen Raum Auswahlmöglichkeiten, füllen Angebotslücken und realisieren so kurze Schulwege. Sie sind damit ein wichtiger Grundpfeiler im sächsischen Bildungssystem.“

Schreiben Sie evangelischen Schulen in freier Trägerschaft eine bestimmte gesellschaftliche Bedeutung zu? Wenn ja, welche?

Piwarz: „Ganzheitliche Bildung und der Blick auf jedes einzelne Kind mit seinen Talenten und Begabungen gehören zu den wichtigsten Aufgaben von Schule. Seit 25 Jahren setzen das die evangelischen Schulen in freier Trägerschaft um. Das besondere Qualitätsmerkmal christlicher Schulen ist vor allem das intensive und nachhaltige Vermitteln von Themen wie Zusammenhalt, Toleranz und Nächstenliebe – christlichen Werte und Tugenden, die heute mehr denn je in unserer Gesellschaft gelebt werden müssen.“

In Ihrer Rede anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Evangelischen Schulstiftung in der EKD sprachen Sie vom „Hauptfach Mensch“. Können Sie uns das genauer erklären?

Piwarz: „Eine freie Schule hat tatsächlich ganz besondere Möglichkeiten, sich dem „Hauptfach Mensch“ zu widmen. Und dass das Schulleben an einer freien Schule eben „anders“ ist als an den meisten öffentlichen, ist nach wie vor ausschlaggebend für die Schulwahl bei Eltern, Schülern und Lehrern. Sich Zeit nehmen für die Schülerinnen und Schüler, in einem Lern- und Erziehungsklima, in dem christliche Werte und Tugenden betonter vermittelt und eingefordert werden als an öffentlichen Schulen.“

 

Bild: Die Leipziger Peterskirche zur Festveranstaltung im März 2019

 

Auch in Sachsen müssen Sie durch das Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen immer wieder um die Demokratie ringen. Können Schulen das Demokratiebewusstsein von Heranwachsenden stärken?

Piwarz: „Schulen haben unabhängig von ihrer Trägerschaft ganz klar einen Auftrag zur Erziehung und Bildung. Schule soll Schülerinnen und Schüler dazu ermutigen, sich mit Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts, mit Politik, Wirtschaft, Umwelt und Kultur auseinanderzusetzen. Das heißt, eine unpolitische Schule darf es nicht geben. Mit dem Ziel, mehr politische, digitale und nachhaltige Bildung in die Schulen zu bringen, haben wir über 100 Fachlehrpläne überarbeitet. Politische Bildung spielt nun fächerübergreifend eine starke Rolle und nicht ausschließlich in Gemeinschaftskunde oder Geschichte. Das Fach Gemeinschaftskunde wird künftig bereits ab Klasse 7 unterrichtet und nicht mehr wie bisher erst ab Klasse 9. Bei der politischen Bildung legen wir viel Wert darauf, dass Demokratie an Schule nicht nur gelernt, sondern auch gelebt werden muss. Das fängt bei einem aktiven Schulleben mit Schülersprechern, Schülerzeitungen und Wettbewerben wie „Jugend debattiert“ an, aber auch die sachsenweite Klimakonferenz zwischen Schülern und Politikern und die jährlichen Schülerkonferenzen sind hier zu nennen. Eins möchte ich aber betonen, Schule kann keine Reparaturwerkstatt für gesellschaftliche Entwicklungen sein. Aber Schule kann ganz klar einen Beitrag dazu leisten, Schüler stark gegen jede Form des Extremismus zu machen.“

In den Umbruchszeiten der 90er Jahre haben viele Menschen zivilgesellschaftlich Verantwortung übernommen – auch, indem sie sich für die Gründung von neuen Schulen in privater Trägerschaft eingesetzt haben. Ist von diesem Aufbruchs-Geist in Bezug auf Schulen heute noch etwas zu spüren?

Piwarz: „Die Anfangszeit war natürlich einzigartig, mit all den Möglichkeiten, die uns plötzlich zur Gestaltung unseres Landes zur Verfügung standen. Das hat sich inzwischen etwas gelegt. Aber der Spirit, im Freistaat ein möglichst breites Schulangebot mit unterschiedlichen Konzepten und kurzen Schulwegen anbieten zu können, ist weiter da. Gerade in Sachsen haben wir ein lebendiges Schulsystem, in dem sich staatliche Schulen und Schulen in freier Trägerschaft wunderbar ergänzen.“

 

„Der Religionsunterricht in der Schule hat mir zu DDR-Zeiten gefehlt.“

 

Eine persönliche Frage zum Schluss: Wie haben Sie selbst Ihre Schulzeit erlebt?

Piwarz: „Meine Schulzeit in der DDR war sehr starr, es gab so gut wie keine Möglichkeiten der Mitbestimmung und sie war an vielen Stellen durchdrungen von ideologischer Indoktrination und Erziehung. Speziell im Staatsbürgerkundeunterricht hat man sich genau überlegt, was man sagt und hat im Zweifel Parolen und Phrasen auswendig gelernt. Außerdem erinnere ich mich an lange Fahnenappelle und viele militärische Abläufe, die mir erst wieder beim Wehrdienst in der Bundeswehr 1994 wiederbegegneten. Nach der friedlichen Revolution kam eine spannende Zeit auf uns zu. Schon Ende 1989 fiel der Unterricht am Sonnabend weg, wir als Schüler bekamen mehr Mitbestimmungsrechte und haben diese genutzt. 1992 konnte ich als einer der ersten Jahrgänge im neuen Kurssystem der gymnasialen Oberstufe meine Interessen in den selbst gewählten Leistungs- und Grundkursen verfolgen.“

Und welche Rolle spielte Religion zu Ihrer Schulzeit und danach?

Piwarz: „Der Religionsunterricht in der Schule hat mir zu DDR-Zeiten gefehlt. Es gab für mich zwar die Christenlehre und den Konfirmandenunterricht, aber dieser war außerhalb des Klassenverbandes. Ein Austausch war damit kaum gegeben. Als Schüler nahm ich hier eine gewisse Außenseiterrolle ein. In diesem Punkt gab es aber unterschiedliche Erfahrungen, vor allem zwischen Stadt und Dorf. In den ländlichen Regionen war zum Teil der kirchliche Zusammenhalt viel stärker als in den Großstädten. Fast alle Schüler einer Klasse nahmen da an der Christenlehre teil.“

Herr Piwarz, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

Interview: Christiane Bertelsmann

Erschienen ist der Text im Geschäftsbericht 2019 der Evangelischen Schulstiftung in der EKD. Mehr über die Autorin finden Sie auf ihrer Website: www.christiane-bertelsmann.de

 

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