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Die Evangelischen Schulen in Sachsen.

Lehrerzimmer — Evangelisches Profil

Nicht frontal, sondern mit Freude am Leben

11.05.2015 Priska Krüger

Neugierig schnuppert das Kaninchen an Jonas seinen Füßen, lässt sich kraulen, doch mit einem Satz springt das weiß-braune Fellbündel über die Beine des Jungen und … beinahe wäre es ausgebüxt. Jonas holt das Kaninchen zurück in die Runde der Kinder. Beim täglichen Morgenkreis der Viertklässler in der Evangelisch-diakonischen Grundschule in Löbau sind nicht nur 16 Schüler und zwei Lehrerinnen, sondern auch zwei Kaninchen mit dabei. Jonas und die anderen Kinder berichten, wie es ihnen geht und worauf sie sich an diesem Tag freuen: abgeholt werden von Oma, Schuhe einkaufen mit Mama, Karate-Training oder Christenlehre.
Ein buntes Kreuz steht in der Mitte. Alle sitzen auf dem Fußboden. Thomas spricht ein kurzes Gebet und die Schüler stimmen das Lied an „Mein kleiner, grüner Kaktus“.

Anschließend beginnt der Unterricht in den beiden Klassenzimmern – jedoch nicht getrennt nach förderbedürftig und lernstark, auch nicht frontal mit langen Monologen eines Lehrers; sondern individuell und selbstbestimmt, mit Freude am Lernen und mit Rücksicht auf die Mitschüler.


Zwei Zimmer und zwei Lehrerinnen

Jede Klasse der Grundschule des Diakoniewerk Oberlausitz e.V. hat zwei Klassenzimmer und zwei Lehrerinnen, eine Grundschullehrerin und eine Sonderschulpädagogin. Beide unterrichten die Klasse gemeinsam und unterstützen die Schüler bei ihren Aufgaben. Wenn eine Lehrerin krank ist, übernimmt die andere den Unterricht mit. „In den vergangenen vier Jahren, seit der ersten Klasse im Jahr 2010, hatten wir nur sehr wenig Stundenausfall“, betont Cornelia Pollack.
Die Schulleiterin benennt weitere Vorteile ihres Schulkonzeptes: „Wir haben kleine Klassen mit maximal 20 Schülern. Die Kinder lernen, rücksichtsvoll miteinander umzugehen und haben keine Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderung. Sie teilen sich ihre Aufgaben und ihre Arbeitszeit ein Stück weit selbst ein.“
Die Schüler lernen also nicht nur Rechnen und Rechtschreibung, sondern stärken gleichzeitig ihre Sozialkompetenz und das selbstständige Arbeiten. Zum Beispiel Deborah und Lea. Die lernstarke Schülerin unterstützt die Schwächere bei ihren Rechenaufgaben, reflektiert dadurch den Lernstoff für sich und bekommt Anerkennung, indem sie helfen kann.


Vielfältige Lernpläne, eine Gemeinschaft

„Die 4. Klasse ist unsere leistungsstärkste Klasse“, sagt Cornelia Pollack. „Die Mischung ist bunt, aber die Schüler haben sich gut aufeinander eingelassen: Vier Kinder sind geistig behindert, ein Autist, ein Integrationskind Sprache, ein Kind ist lernförderbedürftig, zudem neun Regelschüler.“ Jedes Kind hat unterschiedliche Lernziele und einen eigenen Plan, welche Aufgaben in den kommenden Tagen erledigt werden sollen. Gemeinsamer Frontalunterricht kommt selten vor. Welches Fach als erstes auf dem Programm steht, entscheidet jedes Kind selbst.
Jonas hat sich für Mathe entschieden, sein Lieblingsfach. Auf einem roten Teppich hat er es sich bequem gemacht und halbiert Zahlen bis 20. Die Mädchen aus seiner Klasse hantieren mit Kreide an der Tafel in dem anderen Klassenzimmer, addieren und subtrahieren bereits mit Zahlen bis 1.000.
„In Mathe und Deutsch ist das Lernniveau inzwischen sehr differenziert“, sagt Cornelia Pollack. „Doch auch wenn die Förderschüler nicht alles verstehen, was die Regelschüler lernen: Irgendetwas bleibt immer hängen.“ Beispielsweise in Englisch. Auf dem Lehrplan der Schüler mit geistiger Behinderung steht keine Fremdsprache, dennoch benennt Jonas stolz die Zahlen von eins bis zehn. Er ist einfach immer beim Englisch-Unterricht dabei.
Wie an jedem Tag hat Jonas „Datumsdienst“. Er bringt vorn neben der Tafel die Holzanzeige auf den aktuellen Stand. Diese regelmäßige Aufgabe tut ihm gut und er bekommt Wertschätzung dafür. „Unvorhergesehenes und Veränderungen fallen Jonas schwer und bedürften bei ihm einer langen Vorbereitungszeit“, weiß seine Mutter. Sie schätzt es sehr, dass ihr Sohn von der Sonderschulpädagogin individuell gefördert wird und dennoch mit Regelschülern gemeinsam lernt. „In einer Klasse mit über 20 Schülern und einer Lehrerin würde Jonas untergehen.“

Wertschätzung statt Schulwechsel

Der gesprächige Junge mit den dunklen Haaren galt bei der Einschulung 2011 als Regelschüler, im ersten Schuljahr wurde seine Lernschwäche deutlich, inzwischen zählt er zu den Schülern mit geistiger Behinderung. Sein Glück: Das integrative Konzept der Evangelisch-diakonischen Grundschule in Löbau. So stand trotz dieser Diagnostik kein Schulwechsel an.
Jonas Mutter ist froh: „Sonst hätte Jonas in der Grundschulzeit wahrscheinlich zwei Schulwechsel erlebt.“ Sie bedauert, dass die Grundschule des Diakoniewerk Oberlausitz e. V. nach der vierten Klasse endet. Eine integrative Mittelschule wäre ihr Traum für Jonas.

Kerstin Rudolph
Mitarbeiterin Öffentlichkeitsarbeit
Diakoniewerk Oberlausitz e.V.

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