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Die Evangelischen Schulen in Sachsen.

Allgemein — Studienfahrt Heiliges Land

2. Tag: Flüchtlingslager Aida in Bethlehem

13.10.2015 Wiebke Nenoff

Seit Generationen fremd im eigenen Land

Zum Flüchtlingslager Aida gelangt man durch ein überdimensionales Schlüsselloch, über dem ein genauso gewaltiger Schlüssel prangt. Geht man hindurch, fällt der Blick als Erstes auf das Bild eines Jungen. Blumen liegen davor. Und plötzlich ist man mittendrin. Mittendrin in dem in dritter Generation ausgetragenen Konflikt, in der Resignation, in der Gewalt, in der Trostlosigkeit. Rechts zerschneidet die acht Meter hohe Betonmauer brutal die Stadt, von Palästinensern eindrucksvoll dekoriert mit gesprühten Bildern von Verhaftungen, Wünschen nach Freiheit, aber auch Hakenkreuzen, die hier niemand entfernt, so tief sitzen Hass und Furcht. Davor türmt sich der Müll in hohen Bergen, für den sich hier – wie fast überall in den palästinensischen Gebieten – niemand interessiert. Bei jedem Schritt treten wir auf Glasscherben. Die Häuser atmen Düsternis, viele scheinen unbewohnt. Fenster fehlen, Stahl ragt heraus. Dazwischen spielen einige Kinder, junge Männer sitzen tatenlos zusammen vor den halb verfallenen Häusern. Weiter hinein wagen wir uns nicht, etwas anderes tun als aufzunehmen, was wir sehen, verarbeiten und davon erzählen können wir ohnehin nicht.

Abud

Ein Palästinenser, der mit Jugendlichen und Kindern im Lager arbeitet, hat sich Zeit für uns genommen. Aus seinem Gesicht spricht die gleiche Not, wie aus den anderen Bildern, die wir aufnehmen. Er beginnt seine kurze Führung am Porträt des kürzlich erschossenen Jungen. Gerade sechs Tage ist es her, dass der 13jährige Abud von einem israelischen Scharfschützen kurz nach der Schule aus 200 Metern Entfernung tödlich getroffen wurde. Dass die Israelis den Fehler inzwischen eingestanden haben, macht ihn nicht wieder lebendig. Der Palästinenser mit dem Schlüssel auf dem T-Shirt erzählt von anderen Fällen. Von der Frau, deren Haus mit Tränengas beschossen wurde und die nicht mehr fliehen konnte. Von dem Vater, der sein 2jähriges Töchterchen zwei Stunden lang nicht loslassen konnte, nachdem es von Granaten tödlich getroffen wurde. Wir wissen, dass auch die Palästinenser nicht auf alle Gewalt verzichten. Wir wissen von Attentaten und Steine werfenden Jugendlichen. Aber wir spüren hier, wie ungleich die Kräfte verteilt sind.

 

1948, nach der israelischen Staatsgründung, kamen rund 300 Menschen aus 27 jetzt israelischen Dörfern hier her. Ihre Hausschlüssel trugen sie bei sich. Nur zwei Wochen, oder drei, so dachten sie, dann können wir zurück. Wir schreiben das Jahr 2015, und sie sind immer noch hier. Aus dem Zeltlager sind inzwischen feste Häuser geworden. Aber es ist immer noch ein Lager, etwas Provisorisches, keine Heimat. Wer hier bis heute lebt, inzwischen in dritter oder vierter Generation, erkennt nicht nur die israelische Besatzung nicht an, sondern er lehnt die Staatsgründung Israels insgesamt ab. Nach wie vor möchte er auf das Land seiner Vorfahren zurück. Das ist ein Unterschied. Wenn jetzt Hunderttausende nach Deutschland kommen, dann tun sie das zu einem großen Teil in dem Wissen, sich in der Fremde eine neue Heimat aufbauen zu wollen. Für sie ist klar, dass es ein Zurück auf absehbare Zeit nicht geben wird. Das motiviert. Motivation aber konnten wir bei unserem kurzen Besuch nicht erkennen. Wir konnten aber auch nichts davon erkennen, dass die Besatzungsmacht Israel irgend etwas tut, um das Leben hier erträglich zu machen, um für Arbeit und Land zu sorgen, wenn das eigene schon verloren gegangen ist, um den Menschen zu einer Perspektive zu verhelfen. Das ist das eigentlich Bedrückende an diesem Besuch.

 

Dann gibt es aber doch die vereinzelten Lichtblicke, die wieder Mut machen. Der Schlüssel über dem Tor hat es zwar nicht ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft, weil das Thema zu politisch ist, hat dafür aber bei der Biennale 2012 sehr erfolgreich auf das Problem der Palästinensischen Flüchtlinge aufmerksam gemacht. In der deutschen Schule in Talitha Kumi lernen auch Kinder aus Flüchtlingslagern, genießen dort ausgezeichnete Bildung und sind vielleicht einmal in der Lage, in ihrem Land für grundlegende Veränderungen zu sorgen. Wir treffen abends Steffen, der für eine Nichtregierungsorganisation psychotherapeutische Dienstleistungen für die durch permanente Bedrohung und häusliche Gewalt traumatisierten Kinder, aber auch für Erwachsene organisiert. Wir treffen andere Menschen, die den Palästinensern helfen, gewaltfreien Widerstand zu koordinieren und aus einzelnen Reaktionen strategisch geplante Aktionen zu machen. Und vom Dach eines halb verfallenen, nie fertig gestellten Gebäudes am Eingang zum Flüchtlingslager Aida sehen wir einen wunderschönen farbigen Kinderspielplatz, gestiftet von den Bewohnern Bethlehems. Ein Funken Hoffnung.

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