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Die Evangelischen Schulen in Sachsen.

Allgemein

Wenn die Schule wieder losgeht…

18.05.2020 Brit Reimann-Bernhardt

Briefwechsel zwischen dem Schulleiter der Freien Ev. Schule Dresden, Thomas Kunz und SchulentwicklungSreferentin, Brit Reimann-Bernhardt

 Bild: Die Sehnsucht nach Normalität ist groß. Schüler*innen freuen sich auf den Neustart der Schule nach der Corona-Zeit.

Lieber Herr Kunz, Sie hatten in der Karwoche einen sowohl schönen als auch hilfreichen Text geschrieben. Ich bin gerade am Überlegen etwas zu schreiben zur Wiedereröffnung – Ideen, Material, Mut machen etc.

Mich würde interessieren, wie Sie darüber denken.

Hier meine Gedanken:

Was die Wieder-Eröffnung der Schulen so mit sich bringt…

Firmen bieten an: Wechsel zwischen online- und offline Unterricht in 3 Sekunden, Wiederaufnahme des Regelbetriebes ganz schnell, regelbar per App. Technisch möglich, effizient und entspannt. Doch warum erleben manche von uns dann diese Wochen als Zeit maximalen Stresses?

Da sind zum einen die jeweiligen persönlichen Situationen mit eigenen Kindern, zu betreuenden Eltern, eigenen (wirtschaftlichen) Sorgen und Ängsten vor Erkrankung und Handlungseinschränkungen. Gleichzeitig wirken die letzten Tage und Wochen wie Ferien, Pause oder eine einzige große Langeweile für manche.

Fehlendes Feedback, fehlende Resonanz, fehlende Reichweite – all das kann Stress verursachen, ich beginne mich gedanklich im Kreis zu drehen. Unter schulischen Alltagsbedingungen erfahren wir relativ unmittelbar Reaktionen aus dem Umfeld – die Schüler*innen, die sich (wie auch immer) verhalten im Unterricht, die Kolleg*innen im Lehrerzimmer und in der Dienstberatung. Das fehlt jetzt. Als soziale Wesen sind wir angewiesen auf diese Resonanzerfahrungen, damit wir uns als selbstwirksam erleben.

Erfahrungen mit Resonanz in der digitalen Welt, im Unterricht auf die Ferne haben einige von uns, längst nicht alle. Und jetzt – sollen/dürfen die Schulen wieder eröffnen! Kinder und Jugendliche kommen zurück in die Schulen, andere sind noch zuhause und wollen versorgt werden, Prüfungen sollen abgehalten und bewertet werden. Wie gehe ich mit Kolleg*innen um, die noch nicht in die Schule kommen wollen/dürfen? Wie ersetze ich diese? Oder haben Sie sich bisher damit beschäftigt, wie die Kinder beim Hausschuhe anziehen in der Garderobe Abstandsregeln einhalten? Wie kann es sein, dass in den Grundschulen und Kitas so anders verfahren werden soll als bei den weiterführenden Schulen? Hier das Abstandsgebot, dort die geschlossene Gruppe, in der die immer beschworenen Abstände plötzlich nicht mehr gefordert sind. Leben wir im Raum der Schule in unterschiedlichen Welten? Innerhalb einer Woche sollen Sie Planungen machen, in Kontakt mit den Kolleg*innen sein, die Eltern informieren, Druck aushalten – Routine ade‘.

Was mich da an Gedanken ereilen kann…

  1. Ich investiere so viel, viel mehr als gewohnt, und es kommt viel weniger raus…
  2. Ich arbeite doch jetzt eigentlich weniger, wieso bin ich dennoch unzufrieden, gestresst…
  3. Muss ich denn alle Vorgaben umsetzen oder wie gehe ich kreativ mit Anweisungen um?

Mal abgesehen davon, dass die Gesamtsituation in Abhängigkeit von der persönlichen Situation sehr anstrengend ist (s.o.), frage ich mich:

  • Woran messen wir im schulischen Alltag unsere Effizienz? Was sind Ergebnisse des täglichen Handelns in der Schule?
  • Wie hilfreich sind diese Effizienz- und Ergebniskriterien in der jetzigen Zeit?

Wir haben keine oder kaum Routinen, keine inneren Konzepte für den digitalen Unterricht, für den „Kontakt“ auf die Ferne entwickelt, keine Vorbilder wie Schule in Phase 3 der Wiedereröffnung aussehen kann – das alles ist neu. Demzufolge benötigen wir viel mehr Aufmerksamkeit, das fordert Energie und Zeit. Und selbst wenn einige Schulen besser, andere weniger gut auf Digitalisierung, Hygieneregeln, Abstand halten, vorbereitet sind: uns fehlen die Routinen, die Regeln. Das bedeutet einen erhöhten kognitiven Aufwand: wir brauchen sehr viel Aufmerksamkeit, um neue Verhaltensweisen zu entwickeln, Kommunikationsformen auszuprobieren, Widerstände zu diskutieren, auszuhalten und zu überwinden etc. Und wir brauchen Zeit, dies alles zu durchleben, nicht nur zu durchdenken.

Neurobiologisch betrachtet geht es darum, die Handlungen vom Bereich des Bewussten in tiefere Hirnregionen zu verlagern. Erinnern Sie sich daran, wie Sie Auto fahren gelernt haben? Oder wie verliefen Ihre ersten Unterrichtsstunden mit einem Ablaufplan in der Hand? Wie habe ich jeden einzelnen Blinkvorgang, jedes Schalten aufmerksam verfolgt, wie anstrengend war jedes Linksabbiegen. Heute ist das Fahren für mich Routine, Blinken und Schalten benötigen nur in den seltensten Fällen viel Aufmerksamkeit. Sind die Verhaltensweisen erst einmal in tieferen Hirnregionen verankert, benötigen sie viel weniger Kapazität, die dann wiederum für anderes genutzt werden kann. Nur wenn eine Aufgabe/eine Verhaltensweise oft genug wiederholt wurde, gibt es das Signal: bitte verankern, der Aufwand lohnt sich, wird längerfristig gebraucht.

In der Schule sind wir alle Menschen, und Sie alle schaffen im oben beschriebenen Sinne viel mehr als Sie manchmal bewusst wahrnehmen. Es ist keine Frage von Haupt- und Nebenfächern, von Abschlussorientierung. Sondern gemäß HAUPTFACH: MENSCH fragen wir uns: Wie kann welcher Unterricht zur Stärkung der Resilienz bei den Kindern und Jugendlichen beitragen? Wie werde ich die ersten Stunden wieder erleben? Am Alltag von „vorher“ anknüpfen? Die Krise zum Thema machen? Wie wird man sich begegnen, was wird man sagen, was auch lieber nicht? An den entwicklungspsychologischen, pädagogischen, spirituellen Bedürfnissen anzuknüpfen, das macht uns als christliche Schulen stark. Hier dazu ein möglicher ein Gestaltungsimpuls: Morgen geht es wieder los…

http://webcompetent.org/und-morgen-geht-es-wieder-los/

Für die Jahrgangsstufe 10-12 gibt es unter folgendem Link Impulse um religiöse Grundideen zu erläutern und als Grundwerte in gesellschaftlichen Konflikten zur Geltung zu bringen.

http://webcompetent.org/der-corona-effekt-vier-zukunftsszenarien/

Und wenn Sie auf der Suche sind nach Tipps für die Zeit nach einem belastenden Ereignis: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat sehr übersichtliche Flyer erstellt (nicht nur) für die Zeit nach der Corona-Krise:

Es bleibt dabei wie es Thomas Kunz in seinem Brief in der Karwoche schreibt: seien Sie barmherzig  mit sich und Ihrer Umgebung. Denn Routinen aufzubauen, dauert eine gewisse Zeit, fordert Aufmerksamkeit und Kraft – für Sie genauso wie für alle anderen. Auch jetzt brauchen wie weiter einen langen Atem, auch jetzt ist es wunderbar zu erfahren, was die Gemeinschaft evangelischer Schulen, die Gemeinschaft von Menschen miteinander tragen kann. Nehmen wir uns die Zeit und haben wir Verständnis füreinander. Wir üben alle noch.

 Bild: Thomas Kunz ist Schulleiter der Freien Ev. Schule Dresden

Liebe Frau Reimann-Bernhardt, ich kann mich Ihren Worten nur anschließen. Danke für Ihre Mut machenden Sätze und auch die fachlichen Ausführungen aus psychologischer und neurobiologischer Sicht.

Ich würde vielleicht noch ergänzen, dass mein Aufruf zur Barmherzigkeit im Miteinander sowohl den Bereich dessen betrifft, was wir leisten oder nicht leisten können, als auch Fragen von Empathie und Seelsorge.

Die einen können es kaum erwarten, dass es endlich wieder losgeht. Ich erlebe Kollegen, die sich unwahrscheinlich freuen, wieder  vor Ihren Schülern stehen zu dürfen, die den unmittelbaren Kontakt (wenn auch mit körperlichem Abstand) herbeisehnen. Die Beziehungsarbeit ist eines der zentralsten Anliegen Evangelischen Schulen. (Hauptfach Mensch) Der Fernunterricht ist auf Dauer für sie eine eher frustrierende Angelegenheit.

Ich sehe aber auch Kolleginnen und Kollegen und auch zum Teil Eltern und Schüler, die der Wiederaufnahme des Unterrichts mit gemischten Gefühlen und auch mit Sorge entgegensehen. Ist das nicht doch zu schnell gegangen? Gerade der sächsische Weg für die Grundschulen und Kitas verursacht ihnen Bauchschmerzen. Ein Paradigmenwechsel oder gar ein Experiment mit offenem Ausgang? Ich muss sagen, ich kann auch solche Gedanken nachvollziehen. Wir hören ja immer wieder den Satz: „Wir stehen erst am Anfang der Pandemie.“ Was ist, wenn die Zahl der Infektionen wieder zunimmt, wenn Schulen doch zum Infektionsherd werden? Was ist mit meiner Gesundheit und mit der meiner Familie? Nicht wenige Lehrer besonders im öffentlichen Dienst sind 60 Jahre alt und darüber. Wurden sie noch bis vor kurzem als Risikogruppe definiert, so scheint das nunmehr keine Rolle mehr zu spielen. Alle sind zum Dienst verpflichtet.

Um es klar zu stellen, ich habe keine Antworten auf all diese Fragen. Aber ich bin froh, dass wir uns an den evangelischen Schulen auch ein Stück weit als Dienstgemeinschaft verstehen, dass es bei uns Gang und Gebe ist, dass wir uns in unseren Sorgen und Nöten wahrnehmen und auch ernst nehmen. Mehr denn je sind wir angewiesen auf die Gnade Gottes. Uns bleibt nichts als uns vertrauensvoll unter seinen Schutz und Segen zu stellen.

Gerade fällt mir ein, dass die Kita hier bei uns auf dem Campus sich Kita „Unterm Schirm“ genannt hat.

Was für ein tolles Bild auch für unsere Tage.

In Psalm 91 heißt es: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.…“.

 Bild: Leander Bernhardt hat den Psalm 91 „Wer unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt…“ perfekt bildlich umgesetzt.

Das bedeutet für mich nicht etwa, dass wir alle Verantwortung abgeben und uns unserem Schicksal ergeben. Ganz im Gegenteil. Uns soll bewusst sein, welche Verantwortung wir tragen gegenüber Kindern und  Jugendlichen, wie auch deren Familien und auch uns selbst gegenüber. Ich finde es aber einfacher, einen kühlen Kopf zu bewahren und den langen Atem zu behalten, wenn ich mich geborgen weiß bei einem Gott, der in der Bibel mit so eindrücklichen und starken Bildern beschrieben wird: „Schirm, Zuversicht, meine Burg…“ Dahinter stehen Glaubenserfahrungen, die über Generationen und über Jahrhunderte weitergetragen wurden und die immer wieder durch persönliche Erfahrungen von Menschen mit Leben gefüllt wurden.

Das gibt mir ein wenig mehr Gelassenheit auch für die kommenden Tage.

In diesem Sinne: Bleiben Sie behütet.

Thomas Kunz

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