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Die Evangelischen Schulen in Sachsen.

Kategorie — Studienfahrt Heiliges Land

5. Tag: Yad Vashem

16.10.2015 Wiebke Nenoff

Brücken bauen ist besser, als Mauern bauen

Heute stieg, glaube ich, jeder mit gemischten Gefühlen in den Bus. Wir alle hatten von zahlreichen Toten auf beiden Seiten des Konfliktes gehört. Mancherorts war sogar schon von einer möglichen Dritten Intifada zu hören, die Nerven auf beiden Seiten der Mauer sind zum Zerreißen gespannt. Aber wir kannten auch unser Tagesprogramm, das uns heute zuerst nach Yad Vashem und anschließend an einige Heilige Stätten des Christentums führen sollte.

Ein neuer Reiseleiter, Shukri, begleitete uns, auch ein palästinensischer Christ, der in München studiert hat, und mit ihm lernten wir noch einmal eine neue Sicht auf das Land und seine Situation kennen. „Überlegen Sie, wie viele Mauern in der ganzen Welt schon gebaut worden sind, um Menschen zu unterdrücken, sie sind alle weg. Auch diese Mauer wird irgendwann verschwinden, die meisten Juden mögen sie genauso wenig wie wir Palästinenser. Ich denke, Brücken bauen ist besser, als Mauern bauen.“

Yad Vashem 2

Wenn wir als Deutsche glaubhaft Brücken bauen wollen, kommen wir an Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte nicht vorbei. Wir müssen uns diesem Teil der Geschichte stellen, daraus lernen und gerade als Lehrer unsere Kinder so erziehen, dass eine Wiederholung der in dieser Art und Weise einmaligen Verbrechen ausgeschlossen ist, so Pfarrer Frank Meinel, der auch hier mit viel Sachkenntnis und persönlichem Engagement die Führung übernahm. In der Shoa (Totenreich), wie die Juden den Holocaust auch nennen, wurden von den Deutschen sechs Millionen Juden, Männer, Frauen und Kinder ganz öffentlich und im industriellen Maßstab umgebracht. Auch wenn es in der Geschichte der Menschheit immer wieder Genozide gab – diese am Schreibtisch geplante und perfekt ausgeführte Vernichtung von Millionen Menschen ist in der Geschichte einmalig, und dieser Verantwortung müssen wir als Deutsche uns stellen. „Das Geheimnis unserer Versöhnung ist die Erinnerung“, sagen die Juden. Yad Vashem ist eine einmalige und sehr eindrucksvolle Stätte des Erinnerns. Niemand kann den Schrein der verlorenen Kinder unbewegt verlassen. Während man durch den dunklen, von brennenden Kerzen erleuchteten Raum geht, deren Licht sich tausendfach gespiegelt in der Unendlichkeit verliert, werden unablässig die Namen aller 1,5 Millionen Kinder verlesen, die durch die Nazis vernichtet wurden. Die Beklemmung, die uns alle beschlich, nehmen wir mit nach Hause.

En Kerem

Nach Yad Vashem führte unser Weg unter anderem nach En Kerem, der Geburtsstätte Johannes des Täufers. Biblische Geschichte wurde greifbar, als Pfarrer Frank Meinel noch einmal die Geschichte der Geburt von Johannes und der Begegnung zwischen seiner Mutter Elisabeth und der Heiligen Maria verlas.

Eingebettet in einen wunderschönen, blühenden Klostergarten liegt eine Kreuzfahrerkirche in schlichtem neoromanischen Stil, der heute als einer der möglichen Begegnungen gilt, in der sich Jesus den Jüngern nach seiner Auferstehung zu erkennen gegeben hat. Für uns waren die Lesung und der Gesang in dieser Kirche mit ihrer traumhaften Akustik noch einmal ein ganz besonders spiritueller und bewegender Moment, in dem wir zur Ruhe kommen und die Ereignisse des Tages verarbeiten konnten.

Den Abend beendeten wir bei einem fulminanten Essen in einem arabischen Zeltrestaurant, zu dem auch Lehrer der Schule Talitha Kumi und der Schulleiter Rolf Lindemann eingeladen waren. Zu den Geschenken, die Herr Lindemann unserem Pfarrer und Reiseleiter Frank Meinel überreichte, zählte eine Flasche Olivenöl. Wir erfuhren, dass die Schule schon sehr lange die Rechte an Olivenbäumen auf dem Ölberg innehat und das Öl, das aus den Oliven gepresst wird, zu den hochwertigsten aus Palästina zählt. Für ihn ist das ein Symbol für die Arbeit der Schule, die die Kinder dazu befähigen will, gemeinsam und in Frieden zu leben und das Land mit ihrer eigenen, qualifizierten Arbeit mit aufzubauen.

Birgot Hofmann/Frank Meinel, Billder: Ulrich Hofmann

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