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Die Evangelischen Schulen in Sachsen.

Hauptfach: Mensch

 

Landesbischof Jochen Bohl: „Merkmale evangelische Schulen“ – Auszug aus einem Referat, Meißen und Dresden im März 2014

 

  1. 1. Würde

    In den ersten Kapiteln der Bibel findet sich ein grundlegendes Nachdenken über das, was menschliches Leben kennzeichnet. Ganz am Anfang, im 1. Kapitel des ersten Buches Mose steht: Und Gott sprach: „Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht (Gen 1, 26).

    Der Mensch ist ein Ebenbild Gottes. Im Gesicht eines Menschen spiegelt sich wider, dass Gott sich ihn zu einem Gegenüber geschaffen hat. Der Mensch ist also kein Produkt des Zufalls, sondern des schöpferischen Willens Gottes. Und jeder einzelne Mensch ist in den Augen Gottes ein unverwechselbares, wertvolles und mit Verant­wortung begabtes Geschöpf. So wird in jedem Schüler nach biblischem Verständnis das Ebenbild Gottes gesehen – unabhängig von Aussehen, Verhalten, Intelligenz und Sympathie. Das begründet nach biblischem Verständnis unsere Würde, unsere Menschenwürde.

    An dieser Stelle gibt es eine Schnittmenge mit der Reformpädagogik: In den Standards des Netzwerkes reformpädagogischer Schulen, „Blick über den Zaun“, heißt es: „Die wichtigsten Vorgaben für jede Schule sind die ihr anvertrauten Kinder, so, wie sie sind, und nicht so, wie wir sie uns wünschen mögen. Sie haben ein Recht darauf, als einzelne, unverwechselbare Individuen mit unverfügbarer Würde ernst genommen zu werden. Sie haben ein Recht darauf, dass die Schule für sie da ist und nicht umgekehrt.“ (Herrmann, Ulrich, Schulen zukunftsfähig machen, Julius Klinkhardt Verlag 2010, Seite 38)

  2. 2. Heterogenität

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    Beide Schöpfungsgeschichten der Bibel erzählen ausdrücklich, dass Gott den Menschen als Mann und als Frau geschaffen hat. Von Anfang an sind die Menschen demnach unterschiedlich und in dieser Unterschiedlichkeit unverwechselbar. Gemeinsam sind sie Ebenbild Gottes, aber dies in ihrer Unterschiedlichkeit.

    Auf der gleichen Linie liegt die biblische Tradition des Bilderverbots (Ex 20, 4 – 6) „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, oder des, das im Wasser unter der Erde ist.“ Dieses Verbot gilt zunächst einmal in Bezug auf Gott; der Mensch soll nicht versuchen, sich ihn durch ein Bild ver­fügbar zu machen. Wenn aber der Mensch Ebenbild Gottes ist, ist auch er oder sie nicht festzulegen auf ein Bild, das Menschen sich von ihm machen. Das Bild Gottes be­kommt in jedem Men­schen seine eigene Prägung. Was und wie ein Mensch ist und werden soll und werden kann, darf offen bleiben.

    Mit einer Haltung des unbedingten Respekts vor den unterschiedlichen Ausprägungen der Gottesebenbildlichkeit sind wir ganz nahe an dem Begriff der „Heterogenität“. Viel­leicht liegt hier das große Plus evangelischer Schulen, eher einen Raum dafür zu bieten, und eher auf die Individualität der Kinder und Jugendlichen einzugehen. Schulen normieren oftmals und zu sehr Kinder in Verhalten und Leistung. Aber Talente entfalten kann nur, wer einen Raum dafür bekommt.

  3. 3. Soziales Wesen

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    Evangelische Schulen achten darauf, dass jeder Schüler seine individuellen Gaben entwickelt, aber sich gleichzeitig auch als Teil der Schulgemeinschaft versteht und – im Sinn der von Gott uns aufgetragenen Zuwendung zum Nächsten – Verantwortung für sie übernimmt. Gerald Hüther sagt: „Jedes Kind braucht im Grunde genommen nur drei Dinge: Es braucht Aufgaben, an denen es wachsen kann, Vorbilder, an denen es sich orientieren kann und Gemeinschaften, in denen es sich aufgehoben fühlt.“ (Hüther, Gerald, Interview in, Kahl, Reinhard <2007>. „Kinder!“ Dokumentar­film. Archiv der Zukunft) Die Forderung nach der Schule als Lebensraum passt hierher. Es braucht in der Schule Zeit für soziales Lernen und Aufmerksamkeit für soziale Prozesse. Morgenkreise sind insofern keine Spielerei evangelischer Schulen, sondern ein wichtiges pädago­gisches Element neben all den anderen Aktivitäten, die Gemeinschaft fördern und Schülern helfen, sich als Teil eines Ganzen zu verstehen.

    Auch hier gibt es eine Korrespondenz zum biblischen Verständnis des Menschen. Es ist die Geschichte vom Paradiesgarten. Sie beginnt mit der Feststellung: „Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei“ (Gen 2, 18). Diese Geschichte macht deutlich: Der Mensch ist auf Gemeinschaft angelegt. Gott schafft zunächst ein Menschenwesen und gibt ihm alles, was es zum Leben braucht. Aber das genügt nicht. Das We­sen ist nicht vollkommen, denn es ist einsam. Darum schafft Gott ein Wesen, das seinem ersten Geschöpf ähnlich ist. Der von Gott gewollte Mensch ist erst komplett als soziales Wesen. Das bildet sich auch neutestamentlich in dem Gedanken ab, dass alle Chri­sten Teil des Leibes Christi (1. Kor. 12, 26), der Kirche, sind.

  4. 4. Verantwortung

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    Im ersten Schöpfungsbericht heißt es über den Menschen: „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan (Gen 1, 28).“ Die Schöpfung ist in die Verantwortung des Menschen gegeben.. „Verantwortung“ also ist das Leitwort. In der gleichen Ausrichtung findet sich im zweiten Schöpfungsbericht die Formulierung: „Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre.“

    Hier klingt bereits das an, was sich dann durch die ganze Bibel Alten und Neuen Testaments unter dem Stichwort „Nächstenliebe“ zieht. Dem Men­schen ist von Gott der Mitmensch anvertraut. Für ihn trägt er Verantwortung. Ihn soll er „lieben wie sich selbst“.

    Vielleicht ist dies viel wichtiger als alles Wissen, das den Schülern mitgegeben wird und das im Übrigen in der heutigen Zeit schnell veraltet: Neben den Fähigkeiten, sich Wissen immer wieder neu anzueignen, Verantwortungsbewusstsein auf dem Weg in das Leben herauszubilden. Verantwortungsbewusstsein bezieht sich dabei nicht nur auf die Menschen, die einem in der einen oder anderen Weise anvertraut sind, sondern auch auf die eigenen Handlungswei­sen bei der Lösung der Probleme, die sich dem Menschen stellen. So versteht die evangelische Kirche Bildung als Zusammenhang von Lernen, Wissen, Können, Wertbewusstsein, Haltungen (Einstellungen) und Handlungsfähigkeit im Horizont sinnstiftender Deutungen des Lebens.“ (Denkschrift der EKD „Maße des Menschlichen“, 2003, S. 66)

  5. 5. Vertrauen und Freiheit

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    Wie lernen Kinder, sich verantwortlich zu fühlen? Nur, indem sie es sind. Voraussetzung ist, dass es ihnen je­mand zu-traut, sie also Vertrauen geschenkt bekommen. Das Stichwort vom „eigen­verantwortlichen Lernen“ ist mehr als nur eine neue Unterrichtsmethode und Motivationshilfe. Für sein eigenes Lernen die Verantwortung wirklich selbst zu tragen, ist schwierig und wichtig. Wenn ich Gelegenheit bekomme, selbst etwas zu verant­wor­ten – und wenn es erst einmal nur mein Lernprozess über eine Stunde, einen Tag, eine Woche ist –, dann kann ich bald auch lernen, für eine Gruppe Verant­wortung zu tragen. Vielleicht sehe ich dann auch einmal meine Möglichkeiten, in der Nachbar­schaft und der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen.

    Vertrauen als Grundlage für Verantwortung ist auch Thema der Bibel. Jesus ist einmal nach dem höchsten Gebot gefragt worden und hat dabei das sog. Doppelgebot der Liebe genannt. „Du sollst den Herrn, Deinen Gott, lieben von gan­zem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt – und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lukas 12, 27). „Gott lieben“ bedeutet das ganze Grundvertrauen eines Lebens an Gott festzumachen. Aus diesem Vertrauen erwächst dann die Nächstenliebe, die Verant­wortung für andere und für das Ganze, nahezu wie von selbst.

    Durch Lehrerinnen und Lehrer, die ihren Schülern etwas zutrauen, erfahren diese indirekt auch, dass Gott ihnen etwas zutraut und sie umgekehrt ihr Vertrauen auf ihn setzen dürfen. Dieses Grundvertrauen ist wiederum nötig, damit sich ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln kann. So können die jungen Menschen ihr Leben in Freiheit zu gestalten lernen.

  6. 6. Unvollkommenheit und Umkehr

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    Unser Schulsystem ist darauf spezialisiert, Fehler zu vermeiden. Fehler bringen – auch an unseren Schulen – Punkteabzug mit sich. Dennoch kommen sie vor; Men­schen lernen sogar durch sie. Schon kleinen Kindern wird beigebracht, dass Fehler zu machen bedeutet, im gängigen Maßstab und Messsystem schlecht zu sein. Hier ist es eine große Herausforderung für die evangelischen Schulen, Kindern und Schülern zu vermitteln, dass Fehler und Schwächen Teil des Menschseins sind, dass Änderungen möglich sind und dass wir auch mit unseren Schwächen von Gott angenommen sind.

    Ob und wie sie diesen Spagat hinbekommen zwischen Notengebung einerseits und dem Versuch, diese Haltung zu vermitteln, wird ein Spannungsfeld sein und bleiben. Machen sie das durch Vorbildwirkung, wenn sie auch eigene Schwächen nicht verdrängen? Sprechen sie offen mit Ihren Schülerinnen und Schülern über dieses Thema? Oder vermitteln sie einfach durch ihre Grundhaltung der Zuneigung zum Schüler, dass sie auch mit ihren Schwächen und Fehlern angenommen sind? Hierzu der Pädagoge Janusz Korczak: „Ich kann eine Tradition der Wahrheit, der Ordnung, des Fleißes, der Ehrlichkeit und der Offenheit begründen, aber ich kann keines der Kinder anders machen, als es ist. Die Birke bleibt eine Birke, die Eiche eine Eiche – und die Klette eine Klette. Ich kann das, was in der Seele schlummert, erwecken, aber ich kann nichts neu schaffen. Ich machte mich lächerlich, wenn ich deshalb mit mir oder dem Kind hadern würde.“ (Korczak, Janusz <1999>: Sämtliche Werke, Band 4: Wie liebt man ein Kind, 194)

  7. 7. Leistung

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    Eines der theologischen Grundthemen der Reformation ist die Rechtfertigungslehre. Sie gibt Antwort auf die Frage: Was macht den Menschen gerecht? Was bringt ihn zurecht? Worauf gründet er sein Leben? Ist es die eigene Stärke, die eigene Leistung? Kann und muss der Mensch sich selbst legitimieren, rechtfertigen, d. h. sein Leben begründen durch das, was er tut? Der Apostel Paulus schreibt in den Briefen an seine Gemeinden sinngemäß: Wenn ihr euch und euer Leben über das definieren müsst, was ihr leistet – Paulus redet vom Gesetz – dann seid ihr einem hoffnungslosen Kampf ausgeliefert. Denn Ihr werdet nie gut genug sein, um vor Gott bestehen zu können. Diese Grundeinstellung nennt Paulus „Sün­de“: allein aus seiner Leistung, den guten Werken, heraus leben zu wollen oder immer zu fürchten, wegen seiner mangelnden Leistung nicht bestehen zu können. An die Stelle dieses Ge­setzes setzt Paulus das Evangelium, die gute Nachricht von Jesus Christus, die gute Nachricht von der Vergebung der Sünden, von der zuvorkommenden Freundlichkeit, der Gerechtigkeit Gottes. – „Evangelisch“, am Evangelium orientiert ist also eine Schule, wenn die Menschen in ihr sich nicht – oder jedenfalls nicht nur – über ihre Leistung definieren.

    Nun ist das Thema „Leistung“ an einer Schule zweifellos sehr wichtig. Dem können sich auch evangelische Schulen nicht entziehen. Aber eine Chance ist es natürlich, sich einen anderen, erweiterten Leitungsbegriff „leisten“ zu können. Evangelische Schulen können den Blick dafür öffnen, dass es auch noch um an­dere Dimensionen geht. Unter diesem Aspekt sollten Schulen nicht nur diejenigen für wertvoll erachten, die „gute“ Noten oder Abschlussleistungen zeigen und erbringen, sondern auch diejenigen, die sich für die Schule oder die Gesellschaft engagieren. Aber auch der Schüler oder die Schülerin, die genug mit den eigenen Problemen zu tun hat, ist in ihrer Lebensleistung aus der Sicht des Evangeliums ein geliebtes Geschöpf Gottes und hat ein Recht auf Achtung und darauf, das zu sein, was sie oder er ist.

 

 

 

  • Hinter den Kulissen

    Making of

    An dieser Stelle noch mal ein dickes »Danke« an alle Schüler, Eltern und Lehrer, die am Fotoshooting im Herbst in Dresden teilgenommen haben! Es hat großen Spaß gemacht mit euch und ihr habt das wirklich gut gemacht!

     


     

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