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Die Evangelischen Schulen in Sachsen.

Allgemein

Gauck-Auftritt im Kreuzgymnasium hinterlässt Spuren

17.12.2019 Patrick Franz

Ex-Bundespräsident zeigt sich als charmanter Kämpfer für Toleranz und Demokratie

Bild: Joachim Gauck signiert Gästen im Kreuzgymnasium sein neues Buch

 

Große Ehre für das Kreuzgymnasium: Ex-Bundespräsident Joachim Gauck stellte in der größten evangelischen Schule Dresdens sein neues Buch „Toleranz – einfach schwer“ vor. Trotz der angespannten politischen Zeit und vielen ernsten Themen verstand es das ehemalige Staatsoberhaupt, immer wieder für Lacher zu sorgen. So zog Gauck seine Zuhörer*innen in den Bann, riss sie vielleicht sogar mit für seinen Kampf für Toleranz und Demokratie.

 

Schon am Anfang seiner Erzählung brachte Gauck die gut gefüllte Aula der Kreuzschule mit einem ironischen Scherz in Wallung: „Ich komme ja aus Mecklenburg und als wir zu DDR-Zeiten noch keine Ausländer hatten, um unsere Fremdenfeindlichkeit an ihnen auszulassen, haben wir das gern an den Sachsen getan.“ Es ist diese Lockerheit, dieser Humor, der den ehemaligen Pastor trotz seiner hohen Positionen, die er innehatte, als einen ganz normalen Menschen wahrnehmen lässt. Immer wieder erzählt er von seiner Familie, von seinen Enkeln, deren Zeugnisse ohne Noten er erst nicht verstand, aber bei deren liebevollen und wertschätzenden, textlichen Auswertung der Leistungen durch die Lehrerin, ihm als Opa plötzlich die Tränen herunterkullerten. Gauck hautnah könnte man sagen.

Dazu passt seine Geschichte, wie er als gewählter Abgeordneter kurz nach der Wende in Berlin-Kreuzberg „dönerisiert“ wurde. Nein, die Beispiele sind nicht nur witzig: Sie sind vielsagend. Gauck meint: „Natürlich sahen diese Drehspieße komisch für mich aus, diese seltsamen Läden mit den arabischen Aufschriften, so etwas hatte ich in Mecklenburg nie gesehen. Und doch habe ich mich nach einiger Überredung darauf eingelassen. Ich kostete den Fladen mit dem Fleisch, so wurde ich dönerisiert.“

Der evangelische Christ beschreibt, wie er immer wieder erlebte, dass Vorurteile nicht stimmten. Die Katholiken beispielsweise fand er längst nicht so schlimm, wie seine Oma sie immer beschrieben hatte. Er betont, dass es eine freie Entscheidung ist, etwas auch abzulehnen, nur sollte man es doch vorher wenigstens mal kennengelernt und sich angeschaut haben. „Der Islam spricht mich selbst nicht an. Aber ich habe höchsten Respekt, wenn ich sehe, wie ein muslimischer Vater mit einem kleinen Geschäft in harter Arbeit, wie es kaum einer bei uns schaffen würde, seinen vier Kindern das Abitur in Deutschland ermöglicht hat, obwohl die Mutter noch dazu Analphabetin war.“

 

Die Stärke der AfD führt er auf einen noch immer andauernden Transformationsprozess der ostdeutschen Gesellschaft zurück. „In der DDR war man bei Entscheidungen in einem ständigen Abwägungsprozess zwischen Angst und Anpassung“, erinnert Gauck und streut die Geschichte eines Bekannten ein, der statt einer Beförderung zum höchsten Seemanns-Grad seinen Beruf komplett wechseln musste, weil er nicht der sozialistischen Partei beitreten wollte. „Es ist nicht dramatisch, sich einzugestehen, dass man es nie gelernt hat, offen seine Meinung äußern zu können, ohne mit negativen Folgen rechnen müssen, und auch nicht, Streit auszuhalten und wirkliche Demokratie zu leben.“

Von 1933 bis 1989 herrschten in Mitteldeutschland 56 Jahre autoritäre Regime. Mit 50 Jahren wählte Gauck erstmals in einer freien, geheimen und gleichen Wahl. „Ich ging aus dem Gebäude heraus und hatte Tränen in den Augen. Ich werde, egal wie ich zur Urne krieche, nie eine Wahl auslassen. Und wenn Sie das tun, erscheine ich Ihnen das nächste Mal im Traum“, verleiht der Politiker seiner Erfahrung in unnachahmlicher Art Ausdruck.

Aber auch in Skandinavien, der Schweiz und anderen europäischen Ländern gebe es trotz völlig anderer historischer Entwicklungen heute nationale Bewegungen. Das führt er auf eine Studie zurück, wonach ganz allgemein ein Drittel der Menschen Sehnsucht nach Altbewährtem haben und damit der Vergangenheit nachhängen. Das sei nicht schlimm, aber eben auch kein Grund in die extremste Form, die des Rechtsradikalismus abzudriften. Denn das Gefühl, Fremde als bedrohlich zu empfinden, stamme noch aus den Ur-Zeiten der Stammesgesellschaft, heute bieten aber gerade die Vernunft und der christliche Glaube, Möglichkeiten diesem Gefühl nicht nachzugeben.

 

So fasst Gauck im Schlusskapitel seines Buchs zusammen: „Menschen, die Toleranz im Umgang mit anderen […] einüben, können ihre konstruktiven Potentiale aktivieren, sich ihren spontanen aggressiven Impulsen widersetzen, können sich beherrschen lernen. Aus Selbstüberwindung geht ein gestärktes Ich hervor, ein größeres Selbstvertrauen […] – und damit eine größere Fähigkeit zur Toleranz. […] Er kann das Andere aushalten und mit ihm umgehen lernen.“ Demokratie, gestützt durch Toleranz, ist also nicht einfach, weil sie durch viele Kompromisse nur langsamen, aber trotzdem erkennbaren Fortschritt ermöglicht. „Jeder bewusste Demokrat, der diesen Raum der Möglichkeiten schützen will, muss aber sein überzeugtes Ja zur Toleranz ergänzen durch ein entschlossenes Ja zur Intoleranz, nämlich dann, wenn Freiheit und Toleranz bedroht sind und ausgelöscht werden sollen“, kämpft Gauck mit Intoleranz gegen Intoleranz.

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